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Einführungsvortrag zu Franz von Suppé
„Missa pro defunctis – Requiem“

Rudolf Grossmaier
Institut für Musikwissenschaft
Universität Wien

Mittwoch, 20. Oktober 2004, 18 Uhr
Stuttgarter Liederhalle Silchersaal
Eintritt frei

 



Hintergrundinformationen zum Herbstkonzert

Sonntag, 7. November 2004, 19 Uhr, 
Stuttgarter Liederhalle, Beethovensaal 

Franz von Suppè - als Komponist eines Requiems

„Die schöne Galathée“, „Banditenstreiche“, „Boccaccio“, „Pique Dame“ - das sind unter vielen weiteren die Namen von Operetten, die in einem Atemzug mit Franz von Suppè genannt werden. Weniger bekannt ist, dass Suppè auch geistliche Werke geschrieben hat - allen voran das „Requiem - Missa pro defunctis“ - das mit den für den Komponisten so typisch gefühlvollen Melodien, aber auch durch schwungvolle und eingehende Rhythmen beeindruckt.

Wer war Franz von Suppè, der Komponist des Requiems?

Recherchiert man über das Leben von Franz von Suppè, so gleichen sich die Angaben: „Ein Klassiker der Operette - eigentlich Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavagliere Suppé-Demelli - geboren 18.04.1819 in Spalato (Split, Kroatien), gestorben in Wien 21.05.1895, Komponist von 31 Operetten, C-Dur-Messe, Requiem in d-moll, Symphonie, Streichquartette, Chorwerke, Bühnenmusik“.
Untrennbar ist der Name Franz von Suppè mit der Wiener Operette verbunden. Viele unsterbliche Melodien werden mit seinem Namen sofort ins Gedächtnis gerufen, wie „Hab’ ich nur deine Liebe“ oder „Florenz hat schöne Frauen“ oder aber das Lied „Das ist mein Österreich“, das zur populärsten patriotische Melodie des 19. Jahrhunderts neben der Kaiserhymne wurde. Viele ungeheuer zündende Ouvertüren zu sonst schon vergessenen Stücken gehören auch heute noch zu festen Bestandteilen großer Konzerte der so genannten leichten Muse. Man denke nur an das Wiener Neujahrskonzert. Nur wenig ist über Suppè als Komponist ernster Musik zu lesen. Meist erfährt man nur, dass Suppè „unter anderem auch Kirchenmusik“ geschrieben habe, wozu auch das Requiem von 1855 gehöre. Dabei wird aber übersehen, dass Suppè zu diesem Zeitpunkt noch nicht an eine Karriere als Theatermusiker dachte. Das Befassen mit der „leichten Muse“ diente ihm als notwendiger Broterwerb, der es ihm ermöglichte, sich als Komponist ernster, repräsentativer Werke einen Namen zu schaffen. Zu diesen Werken ist seine Missa pro defunctis, sein Requiem - keinesfalls ein Gelegenheitswerk - zu zählen. Und kein Geringerer als Johannes Brahms hat sich äußerst anerkennend über die Bedeutung der geistlichen Werke Suppès geäußert: „Seine unglaubliche Gewandtheit in weltlichen Dingen“, so Brahms, „verdankte er eigentlich seinen geistlichen Kompositionen. Er hatte etwas gelernt“. Natürlich fehlte es auch nicht an Kritiken. So wurde das Requiem - trotz großen Anklangs beim Publikum - schon zu Lebzeiten des Komponisten, vor allem von Kritikern wie Eduard Hanslick, als „zu opernhaft“ und „zu italienisch“ abqualifiziert. Zu Unrecht. Auch das Requiem ist durch und durch „ein typischer Suppè“. Der Mann war jenseits der Alpen in Split geboren, mit italienischer Musik aufgewachsen, hatte Donizetti, Rossini und Verdi persönlich kennen gelernt und bei einem Schüler Mozarts seine Studienzeit 1840 beendet.

Suppès Requiem - mehr als eine Fußnote der Musikgeschichte

Angesichts der späteren Bedeutung von Suppè, der quasi als Gründer der Wiener Operette „abgestempelt“ war, sind seine geistlichen Werke in Vergessenheit geraten. Auch eine Wiederaufführung des Requiems 1901 erntete ebenfalls nur Unverständnis und somit verschwand das Werk bald vollständig aus dem Blickfeld der Musikwelt. Erst in jüngster Vergangenheit wird es gelegentlich wieder aufgeführt. Vielleicht steht die große „Entdeckung“ des Werks doch noch bevor?
Die Familie „von Suppé“ stammte aus Belgien. Ein Vorfahre siedelte sich in Cremona an, und einige Jahrzehnte darauf übersiedelte die Familie nach Spalato - heute Split - das damals zu Italien gehörte und unter österreichischer Verwaltung stand. Dort wirkte der Großvater des Komponisten als Kreishauptmann und italienisierte seinen Namen durch den „accento grave“, jene Schreibweise, mit der auch der Komponist selbst immer signierte, also „Suppè“. Auch sein Vater, Peter von Suppé, trat in den Staatsdienst und brachte es dort bis zum Kreiskommissär. Er heiratete die Wienerin Katherine Landowsky, die am 18. April 1819 einem Sohn das Leben schenkte, der auf den Namen Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppe-Demelli getauft wurde.
Schon früh zeigte sich die musikalische Begabung des Knaben. 1820 wurde der Vater nach Zara versetzt. Dort verbrachte Franz seine Jugendzeit. Es war der Wunsch des Vaters, dass der Bub etwas „Ehrbares“ lerne und sich auf die Beamtenlaufbahn vorbereite. Franz nahm jedoch heimlich Flötenunterricht und erst nach „diplomatischer“ Überwindung des väterlichen Widerstandes erhielt er die Erlaubnis für einen geregelten Musikunterricht. Seine freie Zeit verbrachte Franz bei der Militärmusik oder im Kathedralchor, wo er mitsang und sich erste Kenntnisse in Instrumentation und Chorgesang aneignete. Bereits als Dreizehnjähriger komponierte er eine Messe, die in der Kirche des heiligen Franziskus in Zara zur Aufführung kam und 40 Jahre später als Missa dalmatica veröffentlicht wurde. Immer noch gegen eine Musikerlaufbahn eingestellt, verlangte der Vater, dass der Sohn in Padua Rechtswissenschaft studierte. Hier konnte Franz jedoch, fern der väterlichen Kontrolle, sich auch mehr der Musik widmen. Des Öfteren kam er auch nach Mailand, wo er Verdi, Donizetti und Rossini kennen lernte, die er sehr bewunderte und verehrte. 

Unterricht beim Schüler des „größten Genius der Neuzeit“

Als der Vater 1835 starb, zog Franz mit seiner Mutter zu deren Eltern nach Wien. Dort sollte er zunächst das Polytechnikum besuchen und dann Medizin studieren. Franz zog es jedoch wieder zur geliebten Musik, die schließlich endgültig zu seinem Lebensinhalt werden sollte. Er wurde Schüler von Ignaz Ritter von Seyfried, dem er die noch in Zara komponierte Messe in F-Dur vorlegte. Sein Musikstudium finanzierte Franz durch Italienischunterricht. Unter Seyfrieds Anleitung schrieb er eine große Instrumentalmesse in C-Dur, zu der er eine Einleitung verfasste, die folgende bedeutungsvolle Worte enthielt: „Es ward mir gegönnt, den Unterricht des Meisters zu genießen, der mit siegender Gewalt die Töne beherrscht und dem der größte Genius der Neuzeit als seinem innigen Freunde seine wunderbaren Entdeckungen im Felde der Musik mitteilte, um sie der Welt zu übergeben als sein Vermächtnis ... Um Gott auf eine würdige Weise zu danken, ... ihm aus voller dankerfüllter Brust Hosianna zu singen und ihn zu bitten, mir auf meiner ferneren Bahn seine Gnade nicht zu entziehen, habe ich dieses Werk unternommen und nicht Zeit und Mühe gespart, um nach meinen besten Kräften mich des großen Meisters wert zu zeigen, dessen Schüler zu sein ich mich rühmen kann.“ Mit dem „größten musikalischen Genius der Neuzeit“ war Mozart gemeint, dessen Schüler Seyfried gewesen war.
Im September 1840 begann Franz von Suppè seine über vier Jahrzehnte währende Tätigkeit als Theaterkapellmeister, zunächst an dem von Franz Pokorny mit größtem Erfolg geleiteten Theater in der Josefstadt sowie an den gleichfalls von Pokorny geleiteten Bühnen in Baden, Ödenburg und Pressburg. Im Jahre 1845 erwarb Pokorny zur allgemeinen Überraschung das Theater an der Wien. Suppè folgte ihm als Kapellmeister für die nächsten 17 Jahre. Albert Lortzing war dort von 1846 bis 1848 sein Kollege und ihm freundschaftlich verbunden. Am 5. August 1850 starb Franz Pokorny, der große Förderer Suppès, ganz plötzlich. Zu seinem Andenken schrieb Suppè, der Pokorny seine künstlerische Laufbahn zu verdanken hatte, seine Missa pro defunctis, das Requiem, das aber erst fünf Jahre später, am 29. August 1855 vollendet und am 22. November desselben Jahres in der Piaristenkirche in Wien uraufgeführt wurde.

Auch als Kirchenmusiker suchte Suppè Anerkennung

Suppè blieb bis 1862 im Theater an der Wien. Hier wandte er sich auch erstmalig dem neuen, mit dem Erscheinen der ersten Werke Offenbachs aufgekommenen, Gebiet der Operette zu. Mit „Die schöne Galathée“, „Boccaccio“ und „Fatinitza“ feierte er seine größten Erfolge und gelangte auch zu beträchtlichem Wohlstand. Im fortgeschrittenen Alter traf ihn mit dem Tod seines einzigen Sohnes (1894), der ebenfalls sehr musikalisch und ihm auch sonst sehr ähnlich war, ein schwerer Schicksalsschlag. Künstlerisch wandte er sich wieder der Kirchenmusik zu. Suppè starb am 21. Mai 1895 in Wien und erhielt auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Ehrengrab. Bei der Beisetzung des Sarges erklang das Libera me aus seinem Requiem, die Gedenkrede hielt der Musikschriftsteller R. Hirschfeld, der Suppè auch als Komponisten ernster Musik würdigte: „Sein letzter Wunsch war, auch als Kirchenkomponist, als Schöpfer ernster Arbeiten anerkannt zu werden“.

Nach Suppès Tod geriet das Werk in Vergessenheit. Eine Wiederaufführung durch die Wiener Singakademie am 21. Dezember 1901 war wenig erfolgreich. Die freundlichste Kritik sprach immerhin davon, dass „diese Komposition nicht rein kirchlich gehalten ist, aber durch die seelenvolle Empfindung von ungeheurer Wirkung ist und viele Tränen erpresste“, andere schrieben von „unverhüllten Italienismen“ und dass man „jeden Augenblick erwarte, der Komponist werde an der Pforten der Ewigkeit die Melodie seines Fatiniza-Marsches anstimmen“. Größeren Erfolg hatten Aufführungen in jüngerer Vergangenheit wie beispielsweise in Wien im März 1987 mit dem Wiener Singverein und dem ORF-Symphonieorchester unter Argeo Quadri im Wiener Musikverein.

Quelle: 
Rudolf Grossmaier, Seminararbeit Suppè: Requiem, Wien 2003;
Rondo-Archiv; Johann Strauss Society-Archiv

Regina Hüser



Das Te Deum op. 103

Als Dvorak mit seiner Familie die Reisevorbereitungen für Amerika traf, erreichte ihn die Aufforderung von Jeanette Thurber, der Direktorin des National Conservatory New York, eine Kantate zu komponieren. Das Werk sollte zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus erklingen. Falls sich in der Kürze der Zeit kein passender Text finden ließe, könne es auch ein “Te deum laudamus” oder ein “Jubilate Deo” sein, so die Auftraggeberin.
Dvorak entschloss sich für ein “Te Deum”. Die Skizzierung für das Werk stand in kaum einer Woche, in genau einem Monat war das “Te Deum” vollendet. Die Partitur versah er am 28. Juli 1892 mit er Widmung “komponiert zu Ehren des Gedenkens an Kolumbus”.

Der Ambrosianische Lobgesang

Das Te Deum gilt nach seinen Anfangsworten “Te Deum laudamus” als feierlicher Lob-, Dank- und Bittgesang der römischen Kirche. Der Legende nach bekam Ambrosius in jenem Moment, da Augustinus als Erwachsener das Sakrament der Taufe empfing, diesen Hymnus vom Geist Gottes eingehaucht, in den Augustinus - ebenfalls vom Heiligen Geist ergriffen - Vers um Vers einstimmte. Demnach hätten also der als Vater des Kirchengesangs geltende Ambrosius und der erste Kirchenmusik-Theologe Augustinus diesen Hymnus gemeinsam geschaffen. Wer indes tatsächlich Verfasser des Te Deum ist, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Der Hymnus, dem eine gregorianische Melodie zugrunde liegt, entstand vermutlich in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Der Text in heutiger Form findet sich erstmals im Antiphonar von Bangor (um 690).

Brahms soll wegen der Wuchtigkeit von Dvoraks Te Deum einmal scherzhaft bemerkt haben: “Das Te Deum ist wohl für die Feier der Zerstörung Wiens und Berlins durch die Böhmen gedacht und scheint mir dafür auch recht geeignet.” (vgl. Klaus Döge, Dvorak). Und Alfred Beaujean führt in einer Werkbesprechung aus, “bei aller Differenzierung des Ausdrucks wird im Grundzug des Werkes ein hymnischer Überschwang festgestellt, ein fraglos volkstümlich-festfreudiges Gotteslob, wie es nur einer geistigen Haltung entspringen konnte, der Liebe zur Heimat und überlieferte Religiosität beinahe Synonyma waren.”

Das Werk besteht aus vier Sätzen: Allegro moderato, maestoso (Chor), Lento maestoso (Solo und Chor), Vivace (Chor), Lento (Soli und Chor). Die vier effektvoll kontrastierenden Teile erinnern bald an Verdi, bald an Bruckner. Dass es sich mehr um ein Konzertwerk, als eine liturgische Komposition handelt, zeigt sich am “architektonischen” Aufbau, dessen vier Teile das Sinfonie-Schema erkennen lassen.

Erster Satz

Der erste Teil beginnt in “Händelscher beckengrundierter Klangpracht” und führt in die freudige Grundstimmung des Werkes ein, zur Preisung der göttlichen Dreieinigkeit. Nach einem Paukensolo und markanten Akzenten der Blechbläser setzt der Chor mit einem jubelnden Motiv ein, das zuvor bereits in den Holzbläsern anklang. Bei “Tibi omnis Angeli” steigert sich der Chor mit vollem Orchester bis zum Fortissimo. Flöten und Violinen symbolisieren in höchsten Höhen die Sphäre der himmlischen Heerscharen. Das folgende “Sanctus Dominus”, dominiert vom Solo-Sopran, bildet einen ruhigen Kontrast zum lauten Beginn - dann folgt die plötzliche Rückkehr zur Stimmung vom Anfang.

Zweiter Satz

Feierlich beginnend mit einer Fanfare der Blechbläser, wird der zweite Teil hauptsächlich vom Solo-Bass mit “Tu Rex gloriae, Christe” gestaltet.

Dritter Satz

Die Chorsstimmen tragen nacheinander die Bitte um die Aufnahme ins Reich Gottes vor, abschließend dann die gemeinsame eindringliche Deklamation “Salvum fac populum tuum” (Schütze Dein Volk). Der Satz ist ein intensives Flehen der Gläubigen um ewiges Leben, doch es bleibt die Ungewißheit, die sich in der Chromatik des instrumentalen Schlußabschnittes ausdrückt.

Vierter Satz

Im Schlusssatz werden kunstvoll Sopran- und Baß-Solo in der Anbetung der göttlichen Dreieinigkeit “Benedictum Patrem et Filium cum Santo Spiritu” miteinander verknüpft. Der Chor setzt mit “Alleluja” Zwischenakzente.
Nach dem gemeinsamen “Alleluja” aller Sänger klingt das Te Deum mit einem feierlich-jubelnden Nachspiel aus, in dem abschließend noch einmal das Streicherthema de Anfangs aufgenommen wird.

Uraufführung mit 250 Chorsängern

Das ursprünglich geplante Konzert zur Kolumbus-Feier am 12. Oktober 1892 fand nicht statt. Neun Tage später aber wurde das Te Deum - die letzte geistliche Schöpfung Dvoraks - am 21. Oktober in der New Yorker Carnegie Hall unter Leitung des Komponisten mit 250 Chorsängerinnen und -sängern uraufgeführt. Gleichzeitg war es das Konzert zu Dvoraks Amtseinführung als Konservatoriumsdirektor.
Die Festansprache hielt Colonel Thomas Wentworth Higginson, ein Millionär und großherziger Mäzen der amerikanischen Musik, der seiner Rede den Titel “Zwei Neue Welten - die Neue Welt des Columbus und die Neue Welt der Musik” gegeben hatte und abschließend an Dvorak gewandt sagt, er möge helfen, die neue Welt der Musik dem Kontinent hinzuzufügen, den Columbus fand. Deutlicher hätten die Hoffnungen und Erwartungen, die die musikalische Fachwelt und die musikaliche Öffentlichkeit Amerikas mit dem Wirken des Prager Komponisten in New York verband, gar nicht ausgesprochen werden können. 

Quelle: Döge, Klaus: Dvorak - Leben, Werke, Dokumente, 1997 Atlantis Musikbuch-Verlag Zürich und Mainz; Harenberg Chormusikführer, 1999 Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien GmbH & CoKG, Dortmund; www.cantate-online.de, Das Te Deum und sein Weg durch die JahrhunderteRegina Hüser
 

 


Programm zur festlichen Eröffnung des
Stuttgarter Weihnachtsmarktes 2003
im Hof des Alten Schlosses
Donnerstag, 27. November 2003 – 18 Uhr

Mitwirkende

Konzertchöre Stuttgarter Liederkranz
Leitung: Ulrich Walddörfer
Texte: Werner Durst (Stuttgarter Liederkranz)
Bläser der Stuttgarter Musikschule
Leitung: Dr. Léon Bly
Weihnachtsmann: Peter Barkow
Moderation: Günther Willmann

Eine Veranstaltung der VMS

Programm

Bläser: Intrada – Melchior Franck
Gemischter Chor
und Bläser: Lobet den Herrn der Welt – J. Clarke / W. Trapp
Moderation: Günther Willmann
Gemischter Chor und Bläser:
Macht hoch die Tür – Halle’sches Gesangbuch 1704
Tochter Zion – G. .F. Händel

Moderation: Günther Willmann

Bläser: Spielstück – Melchior Franck
Frauenchor: Maria durch ein Dornwald ging – Volksweise aus Hessen
Werner Durst: „S’Weggetaler Kripple“ – Sebastian Blau (1. Teil)
Männerchor: Heil’ge Nacht – L. v. Beethoven
Werner Durst: „S’Weggetaler Kripple“ – Sebastian Blau (2. Teil)
Gemischter Chor: Heilige Nacht – J. F. Reichardt

Moderation: Günther Willmann

Männerchor: White Christmas – Irving Berlin
Gemischter Chor: Jingle Bells – C. Black

Moderation: Günther Willmann

Weihnachtsmann: Peter Barkow
Gemischter Chor und Bläser: Vom Himmel hoch – Martin Luther

Moderation: Günther Willmann
Gemischter Chor und Bläser:O du fröhliche, o du selige – Sizilianische Volksweise
Gemischter Chor: Stille Nacht, heilige Nacht – Franz Gruber



MOSÈ – Rossinis unbekanntes Hauptwerk

Auf dem Weg zum Musikdrama

Die geistliche Oper MOSÈ von Gioacchino Rossini soll als Beispiel für die ernste Gattung näher betrachtet werden. Die Handlung: Der biblische Stoff der Gefangenschaft der Israeliten in Ägypten und ihre Befreiung durch Moses. Von dieser Oper liegen mehrere Fassungen vor. An ihnen lässt sich Rossinis Entwicklung einer neuen musikdramatischen Konzeption verfolgen – der Weg von der typisierten Oper zum durchkomponierten musikalischen Drama. 


Gioacchino Rossini um 1820
Gemälde von Vincenzo Camuccini

Am 5. März 1818 wurde in Neapel, Teatro San Carlo, Mosè in Egitto uraufgeführt. Bühnentechnische Mängel, vor allem eine ungenügende Darstellung des Roten Meeres, riefen einen bei diesem einen Werk nicht willkommenen Heiterkeitseffekt hervor. Als die Oper ein Jahr später wieder aufgenommen wurde, hatte Rossinis entscheidende Korrekturen vorgenommen. Vor allem änderte er den 3. Akt, indem er an der Stelle, als die Rote Meer-Szene einen längeren Umbau erforderte, die Juden ein Preghiera auf den Text Dal tuo stellato soglio singen lässt. Diese Melodie ging bald um die ganze Welt.
1827 erfolgte für die Pariser Opéra eine noch sehr viel tiefer gehende Revision. Es kam dort als Moise et Pharaon ou le passage de la Mer Rouge (oder auch nur Moise) auf den Spielplan und bildete neben Le Siège de Corinth (1826) und Guillaume Tell (1829) die Summe aller Auseinandersetzungen mit der französischen Tradition – ja die Summe seines ernsten Opernschaffens überhaupt. Ein damaliger Pariser Kritikier: „Maestro Rossini hat die ausgezeichnete Skizze eines jungen Künstlers in die vollendete Komposition eines reifen Genies verwandelt und dabei die alten, schwachen Überbleibsel des ancien régime, das man die Opéra nannte, verjüngt."
Bald wieder ins Italienische zurückübersetzt, war dies der endgültige MOSÈ, der das ganze 19. Jahrhundert auf allen wichtigen Bühnen gespielt wurde. Man sprach von Melodramma sacro, Azione tragicosacra, Opéra en quatre actes und Oratorium – und neben szenischen Aufführungen gab es auch konzertante in der Kirche und im Konzertsaal. Dessen ungeachtet ist MOSÈ ein Werk reinsten theatralischen Geistes – was kein Widerspruch ist, denn auch die damalige italienische Kirchenmusik war zu einem guten Teil Opernmusik. Das zeigt sich beginnend bei der allgemeinen dramaturgischen Behandlung des Stoffes bis hin zu speziellen musikalischen Techniken.

MOSÈ – Rossinis wesentlicher Beitrag
für die Entwicklung des Musiktheaters

Weimar, 7. Oktober 1828. Kein geringerer als Goethe fand doch einiges Tadelswertes am MOSÈ. In seinen Eintragungen über das Gespräch mit Goethe schreibt Peter Eckemann: „Das Theater kam zur Sprache, die letzte Oper, Moses von Rossini, ward viel beredet. Man tadelte das Sujet, man lobte und tadelte die Musik, Goethe äußerste sich folgendermaßen: ‚Ich begreife euch nicht ...wie ihr Sujet und Musik trennen und jedes für sich genießen könnt. Ihr sagt, das Sujet tauge nicht, aber ihr hättet es ignoriert und euch an der trefflichen Musik erfreuet. Ich bewundere wirklich... wie eure Ohren imstande sind, anmutigen Tönen zu lauschen, während ...das Auge von den absurdesten Gegenständen geplagt wird... ich hätte euch einen ganz anderen Moses machen wollen' "und entwirft aus dem Stehgreif eine Handlung nach seinem Geschmack... 
Es gab mehrere sozusagen „musik-pragmatische" Gründe, ein biblisches Thema zu wählen. Der wichtigste: So konnte das Theaterverbot während der Fastenzeit umgangen werden, denn in diesen kirchlichen Wochen waren nur Bühnenwerke mit geistlichem Inhalt zugelassen. Im übrigen eignete sich das gewaltige, allbekannte Geschehen aus dem Alten Testament als Handlungsvorwurf, zumal sich im Gewande eines solchen Stoffes Wünsche, Hoffnungen und Forderungen artikulieren ließen, die in anderem Zusammenhang unweigerlich die politische Zensur auf den Plan gerufen hätten. Hinzu kommt hier noch ein Aspekt, der bei der Betrachtung Rossinis meist zu kurz kommt. Nach einem Schlagwort von Heinrich Heine gilt der Komponist allgemein als Vertreter des Restaurationsgeistes in der Musik. Viele Autoren – allen voran Wagner – apostrophierten ihn als „Metternich der Musik". 
Auch an anderer Stelle lassen sich Akzente für politische Interpretationen finden. So meint Balsac, dass die berühmte Preghiera, der zu Herzen gehende Gesang der Kinder Israel vor dem Zug durch das Rote Meer, vom italienischen Publikum als Flehen um die Freiheit und Einheit Italiens verstanden wurde. Die Parallele zu „Va pensiero", dem Gefangenenchor aus Verdis Nabucco liegt auf der Hand.

Zum Inhalt: Neben die biblischen Gestalten Moses (Mosè), seine Schwester Mirjam (Maria), seinen Bruder (statt Aron hier Elisero) und den Pharao (Faraone) treten eine Reihe weiterer Figuren. Da sind Marias Tochter Anaide, die – der alte dramatische Konflikt – in Liebe mit Aménofi, dem Sohn von Faraone und seiner Gattin Sinaide verbunden ist, ferner der ägyptische Feldherr Aufide, der Priester Osiride.
1.Akt: Die Hebräer flehen Gott um Hilfe an, er möge sie aus der Tyrannei der Ägypter befreien. Mosè fordert Geduld, verheißt aber Rettung. Er hat seien Bruder mit einem Gnadengesuch zu Faraone gesandt. Elisero kehrt tatsächlich mit der Nachricht zurück, Pharao habe sich angesichts der angedrohten Rache Gottes erweichen lassen. Als Zeichen guten Willens hat er Maria und Anaide aus der Gefangenschaft entlassen. Zum Beweis der Verbundenheit Gottes mit seinem Volk erscheint ein Regenbogen. 

Ungewöhnliche Präsenz des Chores –
in handelnder, kommentierender und vermittelnder Rolle


Szenenfoto "Mosè": Sabine Toepfer
Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsoper Müncheni

Der eigentliche Held der Handlung ist das Volk – dargestellt durch die ungewöhnliche Präsenz des Chores. Er ist allgegenwärtig und kommentiert selbst dann das Geschen, wenn es vom dramaturgischen Standpunkt aus gar nicht zwingend dazugehört. So im 2. Akt: Während des Dialoges zwischen Aménofi und Sinaide, in dem die Mutter ihren Sohn in seinen Liebesqualen um Anaide zu trösten und an seine Aufgaben als Herrschersohn zu ermahnen versucht, bekräftigt der Chor dabei ihre Bitten. Ob selber handelnd, als innere Stimme, oratorienhaft, eine Wunsch artikulierend – der Chor vermittelt stets zwischen privater und öffentlicher Sphäre.
Diese Wechselspiel zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv ist das tragende Element zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Dabei hat der Librettist die Übergänge zwischen den dramaturgischen Bereichen, die Balance zwischen dem monumentalen Handlungsrahmen und den persönlichen Leidenschaften zu wahren versucht. Ein schwieriges Problem – aber gelungen: Das Motiv, dass Pharao den Juden immer wieder trotz Androhung der Plagen die Freilassung verweigert geht über rein machtpolitische Interessen hinaus. Es wird in der Liebe seines Sohnes Aménofi zu Anaide gesehen. Um sie nicht zu verlieren, veranlasst er seinen Vater, den Pharao, die Juden zurückzuhalten. Rein theologisch ist dies zwar eine unstatthafte Interpretation -  denn in der Bibel, im 2. Buch Mose, heißt es, Gott selbst habe das Herz des Pharao verhärtet – aber menschlich ist sie plausibel. Außerdem werden dadurch neben dem großen offiziellen Kampf zwischen Moses und dem Pharao – dessen Ende bekannt ist – die privaten Konflikte deutlich: zwischen Sohn und Vater, zwischen den beiden Liebenden, besonders aber Konflikt von Anaide selbst. Sie muss sich entscheiden zwischen der Zugehörigkeit zu ihrem Volk und ihrem Geliebten. Eine Vorwegnahme des Aida-Stoffes.
Die Musik wechselt in ihren Perspektiven zwischen Nahaufnahme und Totale, zwischen psychologischer Vertiefung und offiziellem Geschehen. So im 4. Akt: Er beginnt mit einer lyrischen Szene zwischen Anaide und Aménofi. Sie geht über in den festivo suono, der die Ankunft der Juden signalisiert. Auch musikalisch wird die veränderte szenische Situation spürbar. 
Bis auf den vierten beginnen alle Akte mit einer Chorszene. Im zweiten Aufzug benutzt Rossini als Eröffnungsbild den großen Chor zur ägyptischen Finsternis, mit dem Mosè in Egitto begonnen hatte. Aber auch sonst erhält der Chor eine Bedeutung wie nirgends zuvor in der Opernliteratur. Das große Chortableau, die Massenszenen, die man gemeinhin mit Meyerbeer (Les Huguenots), mit Bellinis Norma oder anderen späteren Werken in Verbindung bringt, finden sich – ebenso, wie die vom Chor begleiteten Arien – im MOSÈ bereits ausgebildet. 
Daneben tritt die eigentliche Arie an Umfang und Bedeutung zurück. Anders als in der Opera seria, in der die Sänger für ihren großen Auftritt aus der Rolle heraustreten und ihre Arie an der Rampe wie ein konzertantes Solo zum Besten geben, bleibt im Mosè der dramatische Zusammenhang gewahrt. Es gibt im ganzen Mosè keine große Arie mehr, wie wir sie aus den Seria-Opern Tancredi oder Semiramide kennen. Die Idee der virtuosen Präsentation einer in großem Steigerungsverlauf angelegten Gesangslinie scheint aufgeben zugunsten kleiner, prägnanter Soli. Sie sind stets in den dramatischen Kontext eingebunden. 

Musikalische Motive mit Signalwirkung
leiten durch die Handlung der Oper

Dieser Tendenz zum durchkomponierten Drama, die bereits unmittelbar auf Verdi weist – und auch Wagners Forderung nach dramatischer Wahrheit auf ihre Weise entgegen kommt – entsprechen wiederkehrende beziehungsschaffende Motive. Sie haben Signalwirkung wie das Marschmotiv, das den siegreichen Weg der Juden symbolisiert, wie der instrumentale Farbton, der zur Anrufung Gottes oder wenn von seiner Macht die Rede ist, erklingt. Hier von Leitmotiv zu sprechen wäre verfrüht, da dieser Begriff von Wagner in komplexerer Weise definiert worden ist. Aber solche Verfahren konzipieren das Musikdrama und gehen deutlich über das traditionell Gegebene hinaus.
Auch wird nicht mehr klar zwischen Rezitativ und Arie geschieden, vielmehr greifen beide ineinander. Die rezitativischen Abschnitte sind wahrhaft sprechender Gesang, wobei auch das Orchester „spricht" und die jeweiligen Stimmungszustände nachzeichnet.
Und wo ist das für Rossini Ensembletechnik sonst so charakteristische große und flächig angelegte Crescendo? Immerhin war es für Rossini so typisch, dass man ihm den Beinamen „Monsieur Crescendo" gab. Wir finden es im MOSÈ nur ansatzweise auf wenige Stellen beschränkt. Sicher hat der notorisch unter Zeitdruck stehende Rossini auch Anleihen bei älteren Werken gemacht. Im Wesentlichen aber vermeidet er im MOSÈ alles Schematische und sucht den einmaligen charakteristischen Ausdruck. Dazu gehört auch, dass er den Canto fiorito, den Koloraturgesang, der Darstellung innerer Gefühle vorbehält, beispielsweise wenn Anaide während allgemeiner Freudenstimmung ihre Schmerzen und Zweifel bekundet. 

Besondere Beachtung verdient die Szene im ersten Akt, in der Mosè von der Voce misteriosa die Tafeln mit den zehn Geboten erhält und sie seinem Volk zeigt. Der Anachronismus entgegen dem Ablauf in der Bibel ist hier künstlerisch motiviert. Die Aufforderung an Moses, die Gesetzestafeln entgegenzunehmen geschieht musikalisch höchst markant. Die Voce misteriosa spricht in einer besonderen klanglichen Atmosphäre. Hier klingt Don Giovanni an! Lange Deklamationen auf wenigen Tönen, akkordische Bläserbegleitung, das ist eigentlich der Tonfall der Komthurszene. Und diese Atmosphäre kehrt in der Handlung immer dann wieder, wenn sich die Macht Gottes im Zusammenhang mit den ägyptischen Plagen offenbart. 
Als Moses seinem Volk dann die Gesetzestafeln zeigt, werfen sich die Juden nieder und schwören Gesetzestreue – zunächst im A-cappella-Gesang, indem sie die Eidesformel nachsprechen, und dann im Canto fiorito, mit Koloraturen geschmückt, um die Intensität der Empfindungen zu unterstreichen. Kurz darauf nach dem weihevollen Suggestivem eine andere Stimmung – es erhebt sich ein ausgelassener tänzerischer Chor der Juden, um den süßen Morgen, la dolce aurora, hoffnungsvoll zu begrüßen. 

Noch komplexer als solche Szenen sind die Finali gestaltet. Soli, Ensembles und Chorpartien, ariose Teile, rezitativische Einschübe und instrumentale Passagen wechseln ab und spiegeln dramatische Entwicklungen und Handlungsabläufe wider.
Ein Beispiel – das Finale 1. Akt: Eine Vielzahl von Personen, insgesamt acht, werden zusammengeführt und mit neuen, unerwarteten Situationen konfrontiert – die Verweigerung Faraones, die Israeliten ziehen zu lassen, Hagel- und Unwetterplagen - musikalisch dargestellt in einem kunstvoll gegliederten Bogen. Zunächst ist da im Allegro ein erregter Dialog zwischen Mosè und Aménofi, der durch das Hinzutreten von Maria, Elisero und Anaide noch intensiver wird. Ein erster Höhepunkt dann in Moses Ankündigung des Unwetters. Der musikalische Verlauf wird hier überlagert von dem lauttönenden Fanfarenmotiv der Voce misteriosa. Erst als Faraone hinzutritt wechselt die kompositorische Gangart in ein majestätisch – jedoch innerlich nicht minder erregtes – Largo. In ihm singen zunächst alle beteiligten Personen, um dann in kurzen Einzelpassagen ihren seelischen Zustand auszudrücken – dies zunächst im Quartettsatz a cappella, dann Aménofi emotional aufgewühlt allein, musikalisch in großen Intervallsprüngen, mit Koloraturen und Streichertremolo. Dann wieder ein Quartett, in dem die erregten Koloraturen zwischen den einzelnen Beteiligten wechseln, dann wieder ein Tuttiensemble der Solisten – noch ohne Chor. Jetzt beginnt die Musik wieder zu handeln. Mosè, begleitet vom „Gesetzesmotiv", ruft mit seinem Stab das Unwetter hervor. Die Musik braust auf. „Von überall umfängt mich dunkle Furcht“ singen die Beteiligten und in gewaltiger Stretta – jetzt mit Chor – wird das enorme Geschehen wiedergegeben.
In diesem Schluss, bei dem die Beteiligten ihre Angst, Erschütterung und Zuversicht mit unterschiedlichen Texten zum Ausdruck bringen, der aber jeweils nach dem selben Schema angelegt ist, benutzt Rossini den sogenannten Sdrucciolo-Vers, ein Topos der Sprachvertonung seit den Madrigalisten des frühen 17. Jahrhunderts, der in der Oper, etwa bei Monteverdi und in Glucks Unterweltchor, aber auch bei anderen Meistern immer wieder Angst und Schrecken versinnbildlicht.

Eine einfache Art des Gesangs - großartige Harmonien -
wahre Ausdruckskraft - dankbarste Melodien

Als weiterer Aspekt der Rossinischen Musik ist – einfach aber wirkungsvoll – der symbolische Einsatz der Tongeschlechter zu nennen. So beginnt der zweite Akt mit der Phase der ägyptischen Finsternis – eine düstere, schleichende Moll-Phrase als ständig wiederkehrende Begleitfigur. Das schleichende Motiv erklingt auch noch in der anschließenden Szene, wenn von den Qualen der Finsternis die Rede ist. Und dann, als Farone die Freilassung der Juden ankündigt, singt Sinaide die Worte O cara speme (o süße Hoffnung) genau in diesem Finsternis-Motiv, aber in Dur. Als dann auf Moses Wink die Finsternis schwindet und der helle Tag durchbricht, erklingt strahlendes C-Dur, ein Moment, der an die Erschaffung des Lichts in Haydns „Schöpfung" erinnert - übrigens ein Lieblingswerk von Rossini, das er selbst mit Begeisterung in Italien aufgeführt hat. 
Auch die Preghiera – Del tuo stellato soglio im vierten Akt verdankt ihre überwältigende Ausdruckskraft dem selben einfachen, aber äußerst wirkungsvollen Kunstgriff: Zunächst ein dreimaliger Wechsle zwischen g-Moll und der Paralleltonart B-Dur. Dann in der letzten Strophe moduliert die Musik nicht wieder zurück nach g-Moll, sondern wendet sich nach G-Dur – nicht nur harmonisch, sondern auch emotional eine Wende. Der flehende Gestus wird zur Hoffnung, Gewissheit und Rettung. Übrigens war das Entzücken über diese Stelle so gewaltig, dass das Publikum außer sich geriet. Ohmachten waren ja ohnehin an der Tagesordnung. Nach Aussagen eines neapolitanischen Arztes mussten „mehr als vierzig allzu sehr in die Musik verliebte junge Frauen" wegen Attacken von Nervenfieber oder schweren Krämpfen behandelt werden.

Ungewöhnlich für diese Oper – ja einzigartig in der bisherigen dramatischen Musik – ist die Art und Weise wie der letzte Akt mit einem Orchestersatz schließt. Er schildert den Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, ihre Verfolgung durch die Ägypter sowie deren schreckliches Ende in den wieder zusammenschlagenden Fluten. Hier zieht Rossini zur Darstellung des gewaltigen Vorgangs alle Register der Tonmalerei. Nachdem das rachsüchtige Heer des Aménofi vom aufgewühlten Meer verschlungen worden ist, besänftigen sich die Elemente. Kein Triumphgesang der Juden, keine lauten Töne, sondern das Bild befriedeter Natur – la fine del melodramma sacro.

Die Oper MOSÈ von Rossini ist zwar nie ganz in Vergessenheit geraten – aber so richtig bekannt ist sie heute auch nicht. Dabei zählt sie neben dem Barbiere di Sevilla und Guillaume Tell und vielleicht einer Handvoll weiteren zu den Partituren Rossinis, in denen er mit überlegenem Kunstsinn seine Idee vom musikalischen Theater formuliert. 
Was in einer italienischen Zeitung über die erster Fassung Mosè in Egitto zu lesen war – als das lässt sich für den MOSÈ in noch stärkerem Maße behaupten: „...eine ganz einfache Art des Gesangs, natürlich, immer von wahrer Ausdruckskraft und dankbarsten Melodien beseelt, die großartigen Harmonien effektvoll und schlicht für das Schreckliche und das Ergreifende verwendend, ein schnelles, edles und ausdrucksvolles Rezitativ, Chöre, Duette, Trios, Quartette usw., die alle gleich ausdrucksvoll, bewegend, schwungvoll sind." Und aus historischem Abstand sei hinzugefügt: Rossini hat mit diesem Werk einen wesentlichen Beitrag für die Entwicklung des Musiktheaters im 19. Jahrhundert geleistet.

Regina Hüser

Quelle:
Volker Scherliess, „Gioacchino Rossini.
Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten", Rowohlts Monographien, Rowohlt-Taschenbuch 1991



Alle Jahre wieder findet in der Silvesternacht in sämtlichen Räumen der Stuttgarter Liederhalle „der Ball der Bälle“ in der Landeshauptstadt statt: Der 46. Große Silvesterball 2002 wird auch dieses Jahr vom Stuttgarter Liederkranz 1824 e.V. präsentiert.

Drei internationale Showorchester an drei Tanzflächen verzaubern drei Generationen mit ihren hinreißenden Rhythmen aus der Karibik, dem eleganten Walzer aus Wien und Jazz aus New York.

Im festlichen Beethovensaal fasziniert erstmals auf dem Stuttgarter Silvesterball Ray Martin mit Deutschlands Top N°1 Gala-Orchester. Stuttgarts heißester Favorit der Pop-, Jazz- und Soulszene, die sechsköpfige juke.box, begeistert im elegant dekorierten Foyer. In einen Vorort von Havanna schließlich verwandelt sich dieses Jahr der Silchersaal: in bester Buona Vista Social Club-Manier spielt die 5-Personen-Band Bombonchá heiße karibische Rhythmen und sorgt für ausgelassenste Stimmung auf der Tanzfläche und an der Caipirinha-Bar mit Barmaid und Barkeeper aus dem Hause Maritim. 

Das Team des benachbarten First-Class-Hotels sorgt auch an den Tischen und den Bars für das leibliche Wohl der Gäste mit einer Dinnerkarte und kleinen Snacks.

Zusätzliches internationales Flair erhält der 46. Große Silvesterball 2002 mit einer bunten Lido- und Musicalshow der Energy Dancers, dem bekannten Showballett der Spitzenklasse.

Eingeflogen aus den USA sorgen der Opern- und Gospelsänger Prof. Dr. Oral Lee Moses aus Georgia und Stuttgarts Kirchenmusikdirektor Kay Johannsen an der Orgel mit ihrem feierlichen Programm für Gänsehaut, bevor die 12 Schläge der Stiftskirche den Jahreswechsel einläuten und ein fulminantes Bühnenfeuerwerk u.a. grünes Licht gibt zum Öffnen der Champagnerflaschen.

Die charmante Moderation des Balles durch Michael Branik hat bereits Tradition. Professionell führt der beliebte SWR-Moderator auch heuer durch den festlichen Abend und spielt gerne den wortgewandten Glücksbringer für die Gäste: denn gute Tradition hat auch die Tombola mit exklusiven Spitzengewinnen im Wert von über 20.000,00 €: Ein Lancia aus dem Hause Auto-Palazzo wartet auf einen glücklichen Ballgast, ebenso wie Reisen in ferne Länder und zu kulturellen Highlights in ganz Deutschland.

Freuen Sie sich mit uns auf den herrlichen Ball, an dessen Ende es wieder heißen wird: Es war eine rauschende Ballnacht...

Ballbeginn ist um 20.00 Uhr, Saalöffnung um 18.30 Uhr.
Eintrittskarten für den Beethovensaal inkl. Tischreservierung zu 70,00 € und für das Foyer zu 40,00 € jeweils zzgl. VVK-Gebühr sind bei Easy-Ticket-Service unter der Telefon-Nummer 0711.2.55.55.55 sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

Verantwortliche Ansprechpartner:
Mark Durst & Klaus-Peter Reuter

 



ODYSSEUS - “von Herzen gekommen und in die Herzen gedrungen” 

Max Bruch - ein Verteidiger der Romantik und großer Chorkomponist

von Regina Hüser
Sängerin in den Konzertchören des Stuttgarter Liederkranz 

Max Christian Bruch war und ist in erster Linie als Komponist eines einzigen Werkes, seines Violinkonzerts Nr.1,G-Dur, op. 36, bekannt. Das hat ihn selbst besonders geärgert, denn er hat fast hundert weitere Werke geschrieben und war vor allem ein großer Chorkomponist. Als solcher war er zu seinen Lebzeiten auch vorrangig bekannt. Bruch wirkte auch wegweisend in der Weiterentwicklung des Oratoriums, die von den Kirchenwerken Mendelssohn wegführten. Obwohl musikalisch der Romantik verbunden, was für ihn insbesondere in seinen reiferen Schaffensjahren nicht unbedingt von Vorteil sein sollte, war seine Hinwendung zu neuartigen Themen, besonders zu den Sagen der griechischen Antike und Nordeuropas, etwas ganz Neuartiges. Sein ODYSSEUS ist herausragendes Beispiel dafür. In Europa und auch in Amerika bestand gerade auch deshalb großes Interesse an seinen Werken und begünstigte seinen Erfolg als Komponist und Dirigent auf beiden Kontinenten.


Bruch 1883 auf seiner Amerika Tournee

Unter den Vorfahren von Max Bruch - die Wurzeln lassen sich bis in das Jahr 1560 zurück verfolgen - war der Großvater, Christian Gottlieb Bruch (1771-1836), der Berühmteste. Er studierte Theologie, war Pfarrer in Bergzabern, Militärpfarrer für die Garnison in Breisach und wurde 1803 als Superintendent und Vorsteher der protestantischen Gemeinde in das katholisch Köln berufen. Der Überlieferung nach war er ökumenischer Gesinnung und mit dem Vorsteher der katholischen Gemeinde befreundet. Im November 1811 war er zu einer Audienz anlässlich eines Besuches von Kaiser Napoleon geladen. Sein Sohn, der Vater von Max Bruch, August Carl Friedrich Bruch (1799-1861) war zunächst Rechtsanwalt in Berlin und später Vizepräsident der Kölner Polizei. Seine Frau Wilhelmine, geb. Almenräder (1799-1867) und Mutter von Max Bruch, entstammte einer musikalischen Familie aus dem Bergischen Land und war Sängerin. Ihre beiden Brüder besaßen eine Musikalien- und Instrumentenhandlung in Köln und begründeten 1812 zusammen mit dem Vater die Kölner Musikalische Gesellschaft. Schon zu Lebzeiten und in verschiedenen Büchern, so auch in Kohuts “Berühmte jüdische Männer und Frauen”, war behauptet worden, Bruch sei jüdischer Abstammung. Dies wurde von Bruch und auch von seiner Familie stets dementiert. Bruch selbst war der Meinung gewesen, dass die Komposition von Kol Nidrei Anlass für dieses Missverständnis gegeben hatte.
Bruchs Weltanschauung war geprägt durch außerordentliche Konstanz, obwohl sich zu seinen Lebzeiten um ihn herum die Welt drastisch veränderte. Als Kind erlebte er noch die Revolution von 1848 und als alter Mann noch das Ende des Ersten Weltkrieges. Bruch tat sich schwer, sich den umfassenden Veränderungen im gesellschaftlichen und musikalischen Bereich um ihn herum anzupassen. Er blieb zurück, wurde zunehmend isolierter und verbitterter. Er verteidigte eisern die Romantik und stand fest zu den Werken Mendelssohns und Schumanns. Zu Brahms hatte er zeitlebens ein schwieriges, wenn nicht gespanntes Verhältnis und fühlte sich von diesem Großen der Musik nicht anerkannt - wobei wohl auch Brahms durch sein Verhalten, was Bruchs als “von oben herab” empfand, einiges zu den gegenseitigen Spannungen beigetragen haben dürfte.

Max Bruch und seine Frau Clara Tuczek heirateten - er war 42 Jahre alt, sie 26 - am 3. Januar 1881 in Berlin. Sie entstammte einer österreichischen Musikerfamilie. Ihre Tante war die damals berühmte Sängerin Leopoldine Herrenburg-Tuczek, deren Abschiedsvorstellung der junge Bruch an der Berliner Oper noch miterlebt hatte. Die Bruchs hatten vier Kinder, die Tochter Margarethe und die Söhne Max-Felix, Hans und Ewald. Hans war das künstlerisch Talentierteste. Seine Begabung war die Malerei, die er wohl von seinem Vater geerbt hatte, denn auch Max Bruch hatte sich im Kindesalter nicht nur für Musik, sondern auch für die Malerei begeistert.

Nirgends ist’ lieblicher ja,
als in der Heimat


Der Igeler Hof

Energiequell und Ort der Kreativität war für Bruch zeitlebens der “Igeler Hof” im Bergischen Land unweit vom heutigen Bergisch-Gladbach. Hier war er als Rheinländer verwurzelt und hierher kehrte er immer wieder von seinen “künstlerischen Wanderschaften” zurück. All seine Hauptwerke sind zum größten Teil hier entstanden, auch der ODYSSEUS. Schon früh hatte sich Bruch mit Maria Zanders und ihrem Mann Richard befreundet, die im Bergischen Land nicht nur eine große Papierfabrik besaßen, sondern auch große Musikliebhaber waren. Maria Zanders verwitwete früh und widmete sich fortan dem Familienunternehmen und dem Wohlergehen ihrer Arbeiter. Dazu gehörte auch die Gründung des Cäcilienchors, der noch heute unter  dem Namen “Chorgemeinschaft Bergisch Gladbach” existiert. Der Familie Zanders gehörte auch der “Igeler Hof”, auf dem sich Bruch wie zu Hause fühlen konnte und durfte. In einem Brief vom 9.6.1919 an die Familie Zanders, der testamentarische Züge hat, schreibt Bruch unter anderem:”...Wie schön muss es jetzt bei Ihnen in Gladbach, im Thal und auf den Höhen sein!...Es ist nun schon zehn Jahre her, dass ich das Glück hatte, bei Ihnen zu weilen...aus alledem ist nichts geworden, denn seit 1910 bin ich ein Sklave meiner Altersbeschwerden, konnte nicht mehr nach all’ den mir so teuern Orten... Igeler Hof kommen...ich, ein Mensch, der nie in seinem Leben ohne Berge und Bäume und Bergluft sein konnte...muß nun auf das alles verzichten und in dem verfl...Märkischen Sand weiterexisitieren...Wie tief die Heimat in mein Herz eingegraben ist, das beweist Ihnen schon mein Lied von der Heimat >>Nirgend ist’s lieblicher ja, als in der Heimath<< - der Schlußchor aus ODYSSEUS, das Sie freundlich erwähnen. Es ist von Herzen gekommen, und ist daher auch zu vieler Herzen gedrungen, nicht allein in Deutschland, sondern in allen Ländern, wo ODYSSEUS erklang.”

Jahre nach ODYSSEUS schrieb Bruch in einem Brief, in dem er sich kritisch mit seiner Oper “Hermione” auseinander setzte:”...Der ganze Stoff lag mir nicht und im Übrigen hatte mich schon damals...die Homerische Poesie ganz und gar in ihren Zauberkreis gezogen. Ich lebte nur noch in der Odyssee...” Und an seine Schwester Mathilde in Berlin schrieb er im September 1871 von einem “unvergleichlichen Stoff”, auf den er für ein großes Konzert-Werk gestoßen sei: ”Erschrick nicht, es ist die Odyssee!” Als er Homers Epos gelesen habe, sei es ihm wie “Schuppen von den Augen gefallen” und er stürzte sich darauf (die Odyssee) als ein Gegenmittel gegen “die christliche Jammer- und Tränen-Poesie der Bach’schen Kirchenkantaten”, so seine eigenen Worte.
Für das Projekt ODYSSEUS, op.41, arbeitete er mit dem Dichter Wilhelm Paul Graff zusammen. Es war das erste seiner “weltlichen Oratorien”. Mit seiner ihm eigenen Begeisterung machte er sich sofort ans Werk. Vollendet wurde ODYSSEUS im November 1872. Am 6. Mai 1872 fand unter Carl Reinthaler in Bremen eine Aufführung von sechs bis dato vollendeten Szenen statt. Uraufgeführt wurde das gesamte Werk unter Bruchs Leitung am 8. Februar 1873 in Barmen (Wuppertal). Bruchs Freund Anton Krause, Musikdirektor in Barmen, studierte den Chor für die Uraufführung ein. Das Konzert – das Haus war mit 1.250 Zuhörern ausverkauft - war ein voller Erfolg und bedeutender Tag in der Geschichte von ODYSSEUS. Das Werk, das der Sing-Akademie in Barmen gewidmet ist, half Bruchs Ruf ebenso wie das erste Violinkonzert. ODYSSEUS fand sich sofort im Repertoire vieler Chöre, besonders im Rheinland, und förderte Bruchs Musik auch im Ausland, insbesondere in Holland, England und Amerika. Zwei Wochen vor der Uraufführung äußerte sich Bruch in einem Brief über seine Materialauswahl und seine Ansichten zum Oratorium seit Medelssohn. “Biblische Stoffe lagen und liegen mir fern; die alten Meister haben auf diesem Feld so viel Gewaltiges geleistet, daß wir selbstständige und neue Leistungen nur in Verbindung mit anderen Stoffen ermöglichen können. Es ist nicht zufällig, daß alle Oratorischen Leistungen seit Medelssohn mißglückt sind.” Aus dem genannten Grund gab Bruch dem Werk auch den Untertitel “Szenen aus Odysseus”, um die Bezeichnung Oratorium zu vermeiden. 

Keine Effekte von der Opernbühne,
aber für die Phantasie des Publikums

Bruch verwandte große Sorgfalt auf die Auswahl der einzelnen Szenen: Odysseus bei Calypso; in der Unterwelt; bei den Sirenen; Seesturm; bei den Phäaken; Nausikaa; Fest; Entsendung und Heimfahrt; Penelope; Schlußszene mit Wiedersehen, Rache, Großem Schlußchor - einer “Ode” an die Liebe, die Treue und das Heimatgefühl. Es war nie die Absicht von Bruch, dramatische Effekte von der Opernbühne auf den Konzertsaal zu übertragen, sondern er wollte die Vorstellungskraft seines Publikums ansprechen. Trotzdem finden sich Ähnlichkeiten zwischen einigen Chorszenen im ODYSSEUS und dem zweiten Akt seiner Oper “Die Loreley” - eine Wesensverwandtschaft zwischen den Rheingeistern und den Geisten der Unterwelt. Der Chor hat im ODYSSEUS eine wichtige Doppelfunktion. Zum einen ist er Handlungsträger und stellt die Gefährten von Odysseus, die Geister des Hades, Phäaken, Sirenen, die Gefährtinnen von Nausikaa, Ozeaniden und das Volk von Ithaka dar - zum anderen ist er auch Erzähler in der ganz klassischen Funktion eines Chors im griechischen Drama. ODYSSEUS fließt über von Melodie. Dies ist die Stärke des Werks, sei es, wenn die melodische Kraft aus der Orchesterbegleitung herauswächst, oder sich in der schlichten Trauer von Penelope zeigt. Die Titelrolle ist äußerst anspruchsvoll und anstrengend und erfordert bisweilen Wotans Stimmgewalt wie in der “Walküre”, etwa wenn Odysseus erzürnt, als er hört, wie Penelope von den Freiern bedrängt wird. *)

ODYSSEUS erfreute sich sofortiger Popularität, die allerdings nur etwa bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges anhielt. Die Kritiker sprachen nach der Uraufführung von einem “durchschlagenden Erfolg” - das Werk habe die “zahlreiche Zuhörerschaft zu lebhaften Beifallsbezeugungen elektrisiert”. Ein Chor und ein Arioso seien auf Verlangen des Publikums wiederholt worden. Die Sängerinnen des Chors überreichten dem Dirigenten und Komponisten am Ende der Vorstellung ein Bukett und der ganze Chor krönte ihn mit einem Lorbeerkranz. 
Außer im Rheinland wurde das Werk in allen deutschen Städten gegeben und nach und nach auch in anderen europäischen Ländern. Es folgten Ehrungen und Auszeichnungen für Bruch. Eine besondere Art der Auszeichnung wurde ihm von Brahms zuteil, der ODYSSEUS für sein Abschiedskonzert mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien am 18. April 1875 auswählte. Bruch war allerdings weniger glücklich darüber, dass Brahms wegen zeitlicher Beschränkung des Konzerts nicht das ganze Werk aufführen konnte und sogar die Partie der Penelope gestrichen hatte. Dennoch freute er sich, dem Konzert in Wien beizuwohnen. Aber diese Hoffnung kehrte sich in Enttäuschung. Da Bruch bis zuletzt weder von Brahms noch von dem Komitee hörte und nicht einmal eine offizielle Einladung zu dem Konzert erhielt, entschloss er sich, wegzubleiben.

Seit der Bremer Premiere im Mai 1872 fanden bis Ende 1875 insgesamt 42 Aufführungen von ODYSSEUS statt, darunter auch in New York im Januar 1874 und im März 1875 in Liverpool. Damit begann eine Verbindung zu dieser Stadt, die 1880 darin ihren Höhepunkt hatte, dass Bruch dorthin als Direktor der Philharmonic Society übersiedelte. Er trat hiermit die Nachfolge des schwer erkrankten aus Stuttgart stammenden bisherigen Musikdirektors Sir Julius Benedict an. Die wachsende Anzahl von Gesangvereinen in England sowie die Tatsache, dass die Klavierauszüge seiner Werke in englischer Sprache vorlagen - Übersetzerin war die Sängerin Natalia Macfarren, Gattin des Komponisten und Musikwissenschaftlers George Macfarren - trug wesentlich zur Verbreitung der Musik Bruchs in England und Amerika bei. 

John Alexander Fuller-Maitland der in seinem Buch “Masters of German Music” Bruch qualitativ im Mittelfeld zwischen Brahms und anderen zeitgenössischen deutschen Komponisten einordnet, war voll des Lobes über ODYSSEUS:  “Das Werk, ...durch das Bruchs Name vielleicht in der ganzen Welt am besten bekannt ist. Wiederum erreicht er seinen Gipfelpunkt in der Vertonung ... einer Geschichte, die seine Phantasie anregte. Ein eingehendes Studium dieses Meisterwerks des Genies Bruch würde erhellen, warum Bruch als Opernkomponist scheiterte... Der Erfolg, den es erzielte, wo auch immer es gegeben wurde, ist äußerst bemerkenswert.” 
 

*) Für das Konzert in der Stuttgarter Liederhalle am 10. November 2002 konnte Kammersänger Wolfgang Schöne von der Stuttgarter Staatsoper – er wird die Partie des Odysseus singen – gewonnen werden. 
 

Literatur und Bildquelle:
Christopher Fifield, Max Bruch, Biographie eines Komponisten, Zürich: Schweizer Verlagshaus, 1990


Generalprobe in der Matthias-Kirche in Budapest für das Konzert der Chöre und des Sinfonieorchesters des Stuttgarter Liederkranzes am 8. Juni 2002.
 

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An diesem Tag jährte sich zum 135. Mal  die Krönung  Franz Josephs zum König von Ungarn und Elisabeths („Sisi“) zur Königin von Ungarn in dieser traditionsreichen Kirche. Aus diesem Anlass komponierte Franz Liszt die „Ungarische Krönungsmesse“.
 

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225 Choristen, Orchestermitglieder und „Fans“ reisten vom 5. bis 9. Juni 2002 in fünf Bussen nach Budapest, um im Rahmen der Feiern zum 50-jährigen Bestehen Baden-Württembergs unter der Leitung von Ulrich Walddörfer ein „europäisches“ Konzert mit Werken von Donizetti, Schubert und Gounod zu geben. Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Ungarn, Wilfried Gruber, begrüßte die Mitglieder des Stuttgarter Liederkranzes vor gut 1000 Zuhörern mit einem Zitat von Friedrich Schiller sehr herzlich. Er brachte seine Freude zum Ausdruck, dass nach Gastspielen der Staatsoper Stuttgart, der Bachakademie und des Freiburger Kammerorchesters  auch der Stuttgarter Liederkranz einen Beitrag zu den Feierlichkeiten leistet und damit ebenfalls die kulturelle Verbundenheit zwischen Ungarn und Baden-Württemberg unterstreicht. Das Publikum dankte für ein außergewöhnliches Konzerterlebnis mit lang anhaltendem Beifall. Auf Wunsch des Hausherrn der Matthias-Kirche, Kirchenmusikdirektor László Tardy, haben zum Ausklang die Chöre gemeinsam mit dem Publikum Schillers „Freude schöner Götterfunken“ gesungen.

Dieter Häussermann


Orchesterkonzert am 14. April 2002

Im gut besuchten Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle kamen unter der Leitung von Ulrich Walddörfer folgende Werke zur Aufführung:

Franz Schubert (1797 – 1828)
Ouvertüre zu "Die Zauberharfe" (Rosamunden-Ouvertüre), D 644

Sinfonie Nr. 4 c-moll "Tragische", D 417

Carl Maria von Weber (1786 – 1826)
Klarinettenkonzert Nr.1 f-moll, op.73

Solistin Anne Appelmann

Sinfonieorchester Stuttgarter Liederkranz
Dirigent Ulrich Walddörfer

Über neue Orchestermitglieder freuen wir uns stets.
Interessierte Instrumentalisten sind gerne zu unseren Probenabenden eingeladen



Stuttgarter Liederkranz konzertiert in Florenz

Gute Werbung für Stuttgart und seine Chorkultur

Die Konzertchöre und das Sinfonieorchester des Stuttgarter Liederkranzes waren vom 6. bis zum 10. Juni mit 200 Choristen und Instrumentalisten auf Konzertreise in Florenz und Siena. Höhepunkt – und für den Stuttgarter Liederkranz eine Sternstunde – war das Konzert in der Kirche San Salvatore di Ognissanti in Florenz, einer ehemaligen Klosterkirche der Humilitaten, deren Gemeinde seit 1561 von Patres der Franzikaner betreut wurde und  jetzt von benediktinischen Ordensbrüdern geistlich geführt wird.

Die vollständig mit Fresken von Botticelli, Benucci, Romei, Ghierlandaio und vielen anderen ausgeschmückte Kirche ist auch die Grablege für Carolina Bonaparte-Marat, der Schwester Napoleons, wo sich ein Holzkruzifix von Veit Stoß befindet. Sie verfügt über eine wunderbare Akustik.  Hier Werke singen und spielen zu dürfen, die für solche Räume bestimmt sind, beglückte die Mitglieder von Chor und Orchester. Die Kirche war bis zum letzten Platz voll besetzt, und wer keinen Sitzplatz hatte, versuchte, es sich auf dem Boden und den Stufen der Seitenaltäre bequem zu machen.

Unter der Leitung von Ulrich Walddörfer musizierten Chor und Orchester in dieser Atmoshäre mit Leichtigkeit und Intensität zugleich. Der Frauenchor eröffnete das Konzert mit dem Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi und umrahmte die ersten Glanzpunkte des Abends: Lydia Zborschil, Sopran, und Carmen Mammoser, Mezzosopran, versetzten das Publikum mit ergreifenden Solopartien in atemlose Stille und Andacht. Der Männerchor sowie Teru Yoshihara, Bariton, in der Solopartie führten den Spannungsbogen mit dem Sonnenhymnus des
Hl. Franziskus von Assisi von Franz Liszt weiter, nach dessen Ende bereits Bravi-Rufe zu hören waren.

Danach folgte die Messa die Gloria von Giacomo Puccini, die von den Chören, dem Orchester und den Solisten Nicolaj Iossifov, Tenor, und Teru Yoshihara mit Inbrunst und Freude wiedergegeben wurde. Puccinis Musik, in Lucca, unweit von diesem Ort komponiert, offenbarte für alle Mitwirkenden ihren tiefen, religiösen Charakter. Nach dem Schlusston des Agnus Dei verharrte das Publikum zunächst in andächtiger Stille, um dann in enthusiastischen Beifall auszubrechen, der so lange anhielt bis Ulrich Walddörfer nach einer kurzen, auf Italienisch gehaltenen Dankesrede das Agnus Dei wiederholen ließ, womit das „puccineske Glück“ aller in der Kirche Versammelter vollkommen war.

Am nächsten Morgen begleitete der Chor mit gesungenen Psalmen eine Hl. Messe im Dom zu Siena.
Die Reise war für den Stuttgarter Liederkranz ein großer Erfolg, da Konzertchöre und Sinfonieorchester ebenbürtige Partner für ein anspruchsvolles Musizieren in florentinischem Ambiente waren. Das Konzert war eine Sternstunde der Chormusik und eine stilvolle Werbung für Stuttgart und sein vielfältiges Kulturleben.

Ruth Tollnek



Fernsehaufzeichnung "Kein Schöner Land"

Der Männerchor des Stuttgarter Liederkranzes singt unter Leitung von Ulrich Walddörfer "Ach, du klarblauer Himmel" von Friedrich Silcher.

Die Dreharbeiten zu dieser Sendung, die im Frühjahr 2002 ausgestrahlt wird, begannen am 14. August 2001 auf Schloss Favorite in Ludwigsburg.

Durch die Sendung führt der bekannt Bassist und Kammersänger Günter Wewel, der etwa 80 Opernrollen "drauf" hat, von König Marke und Daland bis zu Verdis Phillip II in "Don Carlo".

Als musikalische Gäste dieser Sendung begrüßt Wewel neben Interpreten aus ganz Deutschland auch Musiker aus der Region wie Tango Five, die Fellbacher Trollinger, die Stadtkapelle Ludwigsburg sowie den Männerchor des Stuttgarter Liederkranzes unter Leitung von Ulrich Walddörfer und andere.

Die beiden Fotoaufnahmen entstanden während der Aufzeichnung für die ARD-Sendung "Kein Schöner Land" am 20. August 2001 beim Bismarck-Turm in Stuttgart.

Ausstrahlungstermin:
Montag, 13. Mai 2002 um 20.15 Uhr
Der Männerchor des "Stuttgarter Liederkranz" im ARD-Fernsehen in der Sendung
"Kein schöner Land"