Einführung zum Konzert

 

 

Ein Deutsches Requiem von Johannes Brahms

Eine große Trauer- und Trostmusik

"Seit Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Missa solemnis ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiete sich neben Brahms' deutsches Requiem zu stellen vermag", so lobte der sonst nur schwer zu begeisternde Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick dieses singuläre Werk der Gattung Requiem, das dem 33-jährigen Komponisten den Durchbruch verschaffte. Und mehr noch: Das Requiem sollte eines seiner populärsten Werke werden.

Inhaltliche und musikalische Bedeutung

Ganz anders als in der lateinischen Totenmesse mit liturgisch gebundenem Text - dem Requiem als ein Bittgebet, das den Verstorbenen begleitet und ihm helfen soll, zur Erlösung zu gelangen - geht Johannes Brahms mit der Idee seines Requiems um. Trost und Hilfe gelten hier nicht den Verstorbenen, sondern den Hinterbliebenen. Brahms folgt in seinem Requiem der protestantischen Tradition einer auf deutschem Text basierenden Totenmusik, die bis zu den "Musicalischen Exequien" von Heinrich Schütz (1636) zurückreicht. Die von Brahms selbst aus dem Alten und Neuen Testament sowie den Apokryphen (Weisheit Salomos und Jesus Sirach) zusammengestellten Texte zeugen nicht nur von einer enormen Bibelkenntnis Brahms', sondern spiegeln darüber hinaus seine Geisteshaltung wider, die - losgelöst von starrer konfessioneller Bindung - einer allgemein human-religiösen Auffassung entspricht. Mit seinen Texten um die Vergänglichkeit allen Lebens und dem Sinnzusammenhang zwischen Leben und Tod ist das Deutsche Requiem eine Trauer und Trostmusik zugleich - für alle, "die da Leid tragen."
Die musikalische Struktur des Requiems belegt, dass Brahms sich intensiv mit Werken vorangegangener Epochen beschäftigt hat. Deren Formen und Kompositionstechniken - wie polyphoner Satz oder Fuge - haben hier tiefe Spuren hinterlassen. Ein Blick in die Partitur bezeugt eine ausgesprochene Experimentierfreude im Umgang mit dem Orchester. So werden tiefe Instrumente mit dunklen und weichen Farben bevorzugt, im Kontrast zu Harfenklängen, die Klangfarben wechseln zwischen Dur und Moll in den einzelnen Sätzen und in den Sätzen selbst. Das Ergebnis ist ein Werk von ergreifender Klangschönheit und beeindruckender Vielfalt der Satzformen.

Entstehung

Die ersten Keime des Requiems lassen sich zu der Zeit zurückverfolgen, als Brahms an seinem ersten Klavierkonzert arbeitete (1854-1857). Möglicherweise entstand die Idee, eine Trauerkantate zu schreiben, verstärkt auch unter dem Eindruck des tragischen Todes seines verehrten Freundes und Förderers Robert Schumann 1856. 1860 lag bereits ein Großteil von Satz II ("Denn alles Fleisch") fertig vor. In jener frühen Zeit ist vermutlich auch Satz I ("Selig sind") entstanden. Der Tod der Mutter am 2. Februar 1865 scheint die inzwischen ruhende Komposition wieder in das Bewusstsein von Brahms gerückt zu haben. Er nimmt die Arbeit wieder auf und sendet im April 1865 Satz IV zur Begutachtung an Clara Schumann. Satz III ist wohl während eines längeren Aufenthaltes bei dem Freund und Fotografen Julius Allgeyer in Karlsruhe entstanden, die Sätze VI und VII vermut lich im Sommer des Jahres 1866 in Lichtenthal (bei Baden-Baden) und/oder in Winterthur.
Die ersten drei Sätze - mehr wollte man dem Publikum offenbar "nicht zumuten" - wurden Anfang Dezember 1867 durch den Wiener Singverein in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien uraufgeführt und waren eher ein Misserfolg. Überwältigend war dagegen die Wirkung der Uraufführung des damals noch sechssätzigen Werkes (I-IV, VI und VII) am Karfreitag, dem 10. April 1868, im Bremer Dom. Brahms selbst dirigierte das Werk. Der bei diesem Konzert noch fehlende Satz V wurde auf Anregung des Bremer Domkapellmeisters Carl Martin Reinthaler nur einen Monat später eingefügt (mit Solo-Sopran "Ihr habt nun Traurigkeit"). Damit lag das Requiem in seiner endgültigen - siebenteiligen - Form vor. Das vollständige Werk, wie wir es heute kennen, erlebte am 18. Februar 1869 seine Uraufführung im Leipziger Gewandhaus.

Symmetrie in der Form - Gleichklang von Wort und Ton

Die Spiegelachse des in seiner symmetrischen Anlage formal abgerundeten Werkes bildet Satz VI. Inhaltlich ist er das Bindeglied zwischen den ersten drei und den letzten drei Sätzen - im Übergang von der Klage zur freudigen Gewißheit des Weiterlebens nach dem Tod. Auch die Texte sind symmetrisch angeordnet . So korrespondieren der erste und der letzte Satz als Seligpreisungen. Viel ist über das Wort- Tonverhältnis im Deutschen Requiem geschrieben und gesprochen worden. Uneinigkeit herrscht hinsichtlich der Frage, welche der beiden Ebenen dominanter sei. Brahms selber soll bekannt haben, dass er manche Bibelstelle ausgewählt habe, weil er Musiker sei, "weil er es gebrauche." In jedem Fall sind in dem Werk beide Ebenen zu einem großen Gesamtzusammenhang verbunden und die textliche Anlage entspricht dem musikalischen Konzept. So stehen Anfangs- und Schlusssatz in der gleichen pastoralen Tonart F-Dur. Das freundliche Es-Dur des zentralen vierten Satzes wird von den dunkleren Tonarten b-Moll (Satz II) und d-Moll (Satz III) sowie den helleren Tonarten G-Dur (V) und C-Dur (VI) umrahmt.

Selig sind

Auf das von tiefen Streichern (ohne Violinen) - mit gelegentlichen Aufhellungen durch die Harfe - geprägte Klangbild des Eingangssatzes ("Selig sind, die da Leid tragen", Matthäus 5,4 und "Die mit Tränen säen, Psalm 126, 5-6) folgt ein düsterer Trauermarsch im Dreiertakt-Rhythmus ("Denn alles Fleisch" - 1. Petrus 1, 24), der mit dem Klagegesang des Chores unerbittliche Strenge ausdrückt. Gelöster ist vorübergehend der Mittelteil ("So seid nun geduldig" - Jakobus 5,7). Nach der Wiederholung des Trauermarsches bricht schließlich unter Posaunenklang das Bekenntnis hervor: "Aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit", 1. Petrus 1, 24 - gefolgt von dem zunächst marschartigen Chorsatz "Die Erlöseten des Herrn" - (Jesaja 35, 10), der mit schwebenden Klängen der "ewigen Freude" endet. Die Bitte des Bariton in Satz III "Herr lehre doch mich" (Psalm 39, 5-8) wird vom Chor aufgegriffen und mündet schließlich in einer Fuge über einem von Orchesterbässen, Posauen und Pauke streng durchgehaltenen Orgelpunkt auf D ("Der gerechten Seelen" - Weisheit Salomos 3,1). Der mäßig bewegte Satz IV preist in schwingend sanften Tönen die "lieblichen Wohnungen" (Psalm 84, 2,3, und 5) und den seligen Frieden des Paradieses. Große Zartheit und emotionale Wärme drückt die Musik in Satz V aus. Das Sopran-Solo ("Ihr habt nun Traurigkeit" - Johannes 16, 22) und der Chorgesang mit seinen Einwürfen "Ich will euch trösten" (Jesaja 66, 13) ergänzen sich kontrapunktisch auf wunderbare Weise. Dramatischer Höhepunkt ist Teil VI. Nach einem marschartigen Chorsatz ("Denn wir haben hie keine bleibende Statt" - Hebräer 13, 14) verkündigt der Apostel (Bariton-Solo) das Wunder der Verwandlung: "Siehe ich sage euch ein Geheimnis" - 1. Korinther 15, 51-52 und 54, 55. Darauf erfolgt die klangdynamisch mitreißende Darstellung des Jüngsten Gerichts ("Denn es wird die Posaune erschallen") und des Sieges über Tod und Hölle ("Der Tod ist verschlungen in den Sieg"). Eine gewaltige Doppelfuge ("Herr, Du bist würdig" - Offenbarung Johannis 4, 11) bildet den Abschluss. Die Tatsache, dass der letzte Satz mit der Seligpreisung ("Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben" - Offenbarung Johannis 14, 13) durch die mehr oder minder modifizierte A - B - A-Form und durch die Tonart F-Dur unverkennbar an Satz I anschließt, ist Grundlage für die Abrundung des symmetrischen Bogens. Diese formale Abrundung wird von Brahms noch dadurch verstärkt, dass der letzte Satz in seinem Schlussabschnitt in den des ersten mündet. Mit dem friedvollen und trostreichen Ausklang hat sich der Kreis geschlossen.

Regina Hüser

Quellen:
Schmidt, Christian Martin, Reclams Musikführer Johannes Brahms, Stuttgart, Reclam, 1994; Siegmar Keil, booklet zur CD Brahms-Ein Deutsches Requiem, Deutsche Grammophon, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado; wikipedia.