Ulrich Walddörfer 
Ulrich Walddörfer wurde 1951 in Göppingen geboren. Ab seinem 8. Lebensjahr erhielt er regelmäßig Klavierunterricht, seit 1964 von Dyna Würzner-August.
1970 begann er an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart mit dem Schulmusikstudium u.a. bei W. Gönnenwein und G. Lohmeyer. 
Ulrich Walddörfer
Außerdem studierte er Orgel und Kirchenmusik bei W. Schrade in Esslingen und Musikwissenschaft an der Universität Tübingen. Auf das erste Staatsexamen im Fach Schulmusik im Jahr 1976 folgten Kurse bei H. Rilling und S. Celibidache. Daran schloß sich ein Dirigierstudium an der Hochschule der Künste in Berlin an, welches durch Kurse bei 0. Suitner, W. Weller und M. Horvath in Salzburg und Eric Ericson in Graz ergänzt wurde.

1980 legte Ulrich Walddörfer die künstlerische Abschlußprüfung im Fach Dirigieren ab. Noch im selben Jahr erhielt er ein Engagement als Solorepetitor und Kapellmeister an der Städtischen Bühne Hagen. Unter den zahlreichen von ihm geleiteten Produktionen ragt als besonderes Ereignis die Einstudierung und Premiere der Operette "Die Ungarische Hochzeit" von N.Dostal in Anwesenheit von Lillie Claus-Dostal und Roman Dostal im Jahr 1983 heraus. 1984-86 Gastspiele mit den Hagener Ensembles in der Alten Oper in Frankfurt. Weitere Einstudierungen und Premieren mit dem Orchester der Stadt Remscheid.

Seit 1986 leitet er den Philharmonischen Chor Heilbronn, außerdem unterrichtete er gastweise an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart. 1990 Weltersteinspielung der Messa da Requiem von G. Sgambati auf CD in Zusammenarbeit mit dem Carus-Verlag Stuttgart. 1993 Süddeutsche Erstaufführung des Oratoriums »Achilleus« von Max Bruch mit CD - Mitschnitt.
Am 4. Dezember 1994 Aufführung des War Requiem von Benjamin Britten in Heilbronn.
Im Frühjahr 1995 Konzertreise nach Südamerika mit dem Philharmonischen Chor Heilbronn und Mitgliedern des Bosch-Chores. Insgesamt 4 Aufführungen der »Messa da Requiem« von G.Verdi in Buenos Aires mit dem Orquesta Estable del Teatro Colon und in Sao Paolo mit dem Orchester des Teatro Municipal.

Seit April 1993 dirigiert Ulrich Walddörfer den Chor und das Sinfonieorchester der Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Eine rege Konzerttätigkeit führt die Bosch-Musikgruppen an zahlreiche Standorte der Firma im In- und Ausland: 1997 Spanientournee mit Konzerten in Madrid, Pamplona und Santander. 1998 Englandtournee mit Konzerten in Cardiff, Worcester und Cambridge. 1999 Australientournee des Bosch-Sinfonieorchesters mit Konzerten in Perth, Adelaide, Sidney, Melbourne und Brisbane.
2000 Italientournee mit dem Bosch-Chor, Mitgliedern des Philharmonischen Chors Heilbronn und dem Bosch- Sinfonieorchester mit Konzerten in Bari und Milano.

Im Juli 1995 übernahm Ulrich Walddörfer die musikalische Leitung des Stuttgarter Liederkranz 1824 e. V., mit dessen Orchester und Chören er große Opern- und Konzertprogramme erarbeitet wie den "Lobgesang" von F.Mendelssohn Bartholdy (1995), "Nabucco" und "Messa da Requiem" von G. Verdi (1996), "Norma" von V. Bellini (1999), "La Damnation de Faust" von Hector Bérlioz (2000). Im Mai 1997 Teilnahme mit den Chören am Internationalen Schubert-Chorfest in Wien . Die folgenden Konzertreisen der Konzertchöre mit dem Sinfonieorchester führten im Juni 2001 nach Florenz (Auftritt in der Kirche Ognossanti) und Siene; im Juni 2002 nach Budapest (Auftritt in der Matthiaskirche auf der Fischerbastei) und im April 2004 nach Krakau, wo zusammen mit dem Orchester Filharmonia Cracovia in der St. Katharinenkirche musiziert wurde.

 



“Stima - Passione - Intesa”

10 Jahre künstlerisches Schaffen mit dem Stuttgarter Liederkranz - Ulrich Walddörfer im Gespräch:

Am 15. Mai 2005 konnte Ulrich Walddörfer auf zehn Jahre Tätigkeit als Chordirektor beim Stuttgarter Liederkranz zurückblicken. In einem Gespräch mit der Redaktion unserer Vereinsnachrichten zieht er ein Resümee über seine bisherige Arbeit mit den Chören und dem Orchester und gibt uns Einblicke in das, was er im Sinne einer erfolgreichen musikalischen Arbeit für unverzichtbar hält. 

Herr Walddörfer, der Stuttgarter Liederkranz gratuliert Ihnen sehr herzlich zu Ihrem „10-jährigen Jubiläum“. Welches persönliche Resümee ziehen Sie, wenn Sie einen gedanklichen Bogen schlagen von 1995 bis heute? 

Es war ein Sprung für den Stuttgarter Liederkranz (SLK), sich nach dreißig Jahren auf einen anderen Chorleiter einzustellen. Und von meiner Seite aus, war die Herausforderung auch enorm, ging es doch um die Frage, wo kann ich in der Arbeit ansetzen, wie kann ich den Chor in der Stuttgarter Chorszene weiterführen, welche Position ist zu erreichen bzw. kann weiter ausgebaut werden?

Zunächst stand das gegenseitige Kennlernen im Vordergrund - ein Abtasten für die gemeinsame weitere Entwicklung. Viele Sängerinnen und Sänger des Chores mussten auch noch lernen, dass Kritik nicht negativ gesehen werden darf. Arbeit und Kritik können nicht getrennt werden. Profis wissen das. Hobby- oder Amateur-Musiker tun sich mit Kritik oft schwer und nehmen sie zu persönlich.
In der Anfangsphase war insbesondere die „stilistische“ Umstellung in der Arbeitsweise für beide Seiten gewöhnungsbedürftig. Man musste sich auf einander zu bewegen. 

Romantisches Repertoire für große Besetzung – Opern, Oratorien, Kirchenmusikalische Werke

Eine Aufgabe für mich war auch, für den SLK ein Repertoire zu finden, was auf die Größe des Chores zugeschnitten ist. Sicher stehen dabei Chorwerke mit Klangfülle und eher homophonem Charakter im Vordergrund, weniger filigran strukturierte Werke. Gleichzeitig möchte ich aber nicht „Allerwelt-Chorliteratur“ machen, so dass man ständige Vergleiche von A und B und so weiter ziehen kann.

Nach diesen zehn Jahren bin ich sehr zufrieden. Wir haben einen guten Modus gefunden und stagnieren nicht, sondern entwickeln uns weiter. 
Zudem finde ich es auch sehr gut, dass sich die Vereinsführung stabilisiert hat. So können wir mit vereinten Kräften an der Weiterentwicklung unserer Konzertchöre arbeiten. Bei allem sollte immer auch der Gedanke an anspruchsvolles Musizieren im Vordergrund stehen, denn wer sich Singen zum Hobby macht, will auch etwas erreichen.

Wie sehen Sie die musikalische Zukunft des SLK - der Konzertchöre und des Orchesters ? 

Ich möchte an der gesanglichen Qualität des Chores weiter arbeiten. Dafür ist auch eine permanente Schulung in der Intonation unerlässlich - und dies umso mehr, da wir im Liederkranz nicht sehr häufig die Möglichkeit haben, dass alle Stimmen zusammen proben können. 
Neben klassischen Werken aus der romantischen Chorliteratur und konzertanten Opernaufführungen - mit denen wir übrigens sehr erfolgreich sind - stehe ich auch experimentellen und unkonventionellen Projekten aufgeschlossen gegenüber.
Ein Beispiel ist derzeit die Teilnahme am „Theater der Welt“, die uns eher zufällig möglich geworden ist und die ich mit den Chören gerne aufgreife. Jeder lernt dazu - die Sängerinnen und Sänger, da sie sich auf eine ganz neue Aufgaben einlassen müssen - und auch ich, bei der Vermittlung und Einstudierung unkonventioneller Chorwerke. 
Im nächsten Jahr stehen dann die Feierlichkeiten für 50 Jahre Stuttgarter Liederhalle an. Die Konzertplanungen laufen. Ich könnte mir eine Art „Chor-Event“ vorstellen.

Die Zeit ist reif – weg von der Spaßgesellschaft hin zur Sinngesellschaft

Auch mit dem Orchester haben wir große Fortschritte gemacht.
Dazu muss ich hervorheben, dass wir uns im Stuttgarter Liederkranz glücklich schätzen können, neben den Chören auch ein eigenes Orchester zu haben. Das ist ein wunderbares Potential für die weitere Arbeit an gemeinsamen Konzerten. Und dies entspricht auch dem Wunsch des Orchesters, das gerne gemeinsame Projekte mit den Chören machen möchte. Zudem hat das Orchester den Wunsch geäußert, ein zweites kleines Orchesterprogramm in die jährliche Konzertplanung aufzunehmen.
Ich schließe auch die Arbeit an kleineren Chorprojekten nicht aus. Ich weiß, dass es innerhalb des Chores dafür Interesse gibt. Es ist nur ein Zeitproblem, alle diese Planungen und Ideen umzusetzen. 

Insgesamt habe ich für die Zukunft die große Hoffnung, dass sich die „Spaßgesellschaft“ wieder zur „Sinngesellschaft“ hin entwickelt. Das schließt natürlich nicht aus, dass sich sinnvolles Tun und Musizieren mit Spaß verbinden. 

Riccardo Muti hat im Hinblick auf eine erfolgreiche künstlerische Zusammenarbeit von den Begriffen „stima“ – „passione“ – „intesa“ gesprochen. Wie würden Sie die Worte für den Stuttgarter Liederkranz interpretieren? 

Für „Stima“ würde ich den deutschen Begriff „Wertschätzung“ wählen. Dies bedeutet, dass der Chor dem Chorleiter vertraut. Der Chorleiter ist nicht dazu da, am Chor „sein Mütchen zu kühlen“. Ein verantwortungsvoller Chorleiter will sein Ensemble weiter führen, und diese Zielsetzung habe auch ich. Dazu gehört, dass man realistisch die Möglichkeiten und Fähigkeiten, die gegeben sind, erfasst und weiter entwickelt. Das ist eine harte und ständig herausfordernde Aufgabe. Damit möchte ich verdeutlichen, dass man nicht irgendwelchen künstlerischen Wunschvorstellungen – die natürlich jeder irgendwo hat – nachträumen sollte. In diesem Miteinander ist es natürlich notwendig, dass Chor und Orchester den Chorleiter bzw. Dirigenten annehmen und sich bei Kritik nicht angegriffen fühlen. 

„Passione“ heißt „Leidenschaft“. Ohne Leidenschaft, ohne Begeisterung kann man keine gute Musik machen – und das gilt gleichermaßen für den künstlerischen Leiter, wie für Chor und Orchester. Insbesondere aber muss der Dirigent voll hinter der Sache stehen, um sie zu vermitteln und mit dem Ensemble umzusetzen.

„Intesa“ würde ich mit „gegenseitigem Verstehen“, mit „Einverständnis“ übersetzen. Man muss sich auf einander zu bewegen, um aneinander zu wachsen. Jede Probe ist für mich eine Herausforderung, was kann ich besser machen, welche Methodik greift, oder was habe ich nicht richtig rübergebracht? Ein permanentes Überprüfen der eignen Methoden – und damit auch Selbstkritik - ist unerlässlich, um zu einem effektiven Ergebnis zu kommen.
Als praktische alltägliche Proben- und Übungsbeispiele kann hier das „Hören des Tones von innen heraus“ genannt werden – und nicht das Voraus- oder Ansingen des Tones, denn das geht im Gesamtergebnis meistens schief. Das Intonationshören habe ich mir für die Arbeit mit dem Chor als Daueraufgabe vorgenommen.
Der Chor muss auch offen sein, für Sachen, die er noch nie gemacht hat, dazu gehört auch, Methodenwechsel zu akzeptieren. Erst das gemeinsame Erarbeiten von Neuem, eine gewisse Bereitschaft zum Experimentieren und auch ein Wechsel in der Methode, macht die Zusammenarbeit spannend und interessant.

Auch im Amateurbereich ist eine gewisse Professionalität unverzichtbar

Ich möchte auch kurz auf die Nachwuchsproblematik eingehen – insbesondere im Männerchor. Unabhängig vom musikalischen Programm wird man für neue Mitsänger auch dadurch interessant, wie man sich gibt und darstellt. 
Zudem müssen wir in der Chorszene allgemein weg kommen vom „Funktionärsdenken“ und die altüberkommene Nomenklatur überdenken. Wenn es nach mir ginge, hätte ich die Bezeichnung des Chores schon lange in „Damenchor und „Herrenchor“ geändert. Im Profilager, auch hier an der Stuttgarter Oper, ist dies eine gängige Bezeichnung. Auch Ausdrücke wie „Gau“ sind von gestern. Ich spreche auch nicht von „Laien“, sondern „Amateuren“. Auch der Begriff „Verein“ ist nicht unproblematisch, obwohl er mit einem rechtlichen Status verbunden ist. Am Wichtigsten aber sind die Inhalte, die stimmen müssen.

Gemeinsam müssen wir daran arbeiten, noch besser zu werden und dabei attraktiv zu werden für neue Sängerinnen und Sänger. Und dies geht nur mit einer gewissen Professionalität, was die innere Einstellung angeht, die Arbeit und das Auftreten. Wir haben schon viel erreicht. Ich denke da an unsere Konzertreisen nach Wien, Florenz, Budapest und Krakau und an unsere konzertanten Opernaufführungen in Stuttgart, bei denen wir in der Stuttgarter Chorszene gewissermaßen „Markt führend“ sind. Wir sind auf einem guten Weg.

Fragen von Regina Hüser

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