Pressestimmen 2001
Stuttgarter Nachrichten v. 14.11.2001

Stuttgarter Erstaufführung: Verdis "I Lombardi alla prima crociata" mit dem Stuttgarter Liederkranz in der Liederhalle

Mit Temperament und Transparenz zugleich

Als sowohl logistisch wie musikalisch höchst gelungenes Großprojekt kann der Stuttgarter Liederkranz seinen Beitrag zum Verdi-Jahr in die Vereinsgeschichte eintragen: Das Opernfrühwerk "Die Lombarden" fand am Sonntag als Stuttgarter Erstaufführung im dicht besetzten Beethovensaal der Liederhalle eine begeisterte Aufnahme.

VON WOLFGANG TEUBNER

Vielleicht bedarf es eines solchen Anlasses wie des 100. Todestages, um ein Herz auch für den frühen Verdi zu entdecken. In den Opernhäusern Italiens und Deutschland tut man sich schwer, Werke wie "Der Korsar", "Attila" oder "Stiffelio" auf die Bühne zu bringen. Allein der "Nabucco" hat wegen seines Ohrwurmes (Gefangenenchor) besondere Lebendigkeit, wenn einem auch die so verschiedenen Handlungsstränge zwischen Liebe, Eifersucht, Rache und Patriotismus eher fremd und im Zusammenhang unverständlich bleiben. Das ist bei den "Lombarden auf ihrem ersten Kreuzzug" nicht anders. Hier gibt es Mord und Verzweiflung aus Liebe in Kombination mit politisch deutbaren Stellen. Trotz der Inhaltsangabe im Programmheft blieb einem die "Handlung" in der italienisch gesungenen, konzertanten Fassung weit gehend verschlossen. Die Aufführung konzentrierte sich auf die Musik, und da fügte sich alles nach Verdischer Manier zum tönenden Bewusstseinsstrom, zur großen Opernplastik zusammen.

Höhepunkt ist hier der Sehnsuchtschor "O Signore dal tetto natio", wie überhaupt der Chor zum Hauptträger des Geschehens wird. Ulrich Walddörfer ist es gelungen, seine rund 200 Sängerinnen und Sänger der Konzertchöre zu einem mit Volumen und hellhöriger Disziplin singenden Instrument zusammenzubinden. Er forderte ihnen viel Beweglichkeit und Einsatz ab, Temperament und Transparenz zugleich. Selbst kämpferisch-trotzige und tänzerisch-leichte Partien kamen überzeugend ins Spiel, neben der klangschönen Kantabilität. Hinter der Wirkung des Chores traten die Einzelcharaktere weit gehend zurück. Mit der amerikanischen Sopranistin Helen Bickers (Giselda) und dem italienischen Tenor Maria Carrara (Oronte) waren jedoch zwei Stimmen gewonnen worden, die die Aufführung zum Erlebnis machten. Ihnen gelang es mühelos, sich über Chor und Orchestertutti hinwegzusetzen. Die tiefen Stimmen von Carmen Mammoser (Viclinda und Sofia) sowie des kurzfristig eingesprungenen Bassisten Pawel Izdebski (Pagano) taten sich im Vergleich schwerer, den Raum zu füllen, ließen aber an dramatischer Eloquenz nichts vermissen. Mehr deutsches Oratorium als italienische Oper lieferten Heiko Börner (Arvino), Martin Hausberg (Pirro und Acciano) sowie Jörg Aldag (Priore). Das groß besetzte Orchester rekrutierte sich vornehmlich aus Mitgliedern des Staatsorchesters Stuttgart, die natürlich ihren Verdi kennen und hier mit Sorgfalt und Intensität den Part ausfüllten. Beim frühen Verdi erlebt man eine ganze Reihe schematischer Klangbilder, die hier aber nicht zur Routine verkamen. Der aparte Rhythmus war belebt, die Effekte vordergründig ausmusiziert, solistische Hervorhebungen umrissscharf und eindringlich gezeichnet. Besonders Konzertmeister Joachim Schall zeigte bei den Soli im dritten Akt virtuoses Können.

Ulrich Walddörfer schlug exakt und dennoch locker, auch die Tempowechsel waren abgesichert und wohl bedacht. Ihm ist es gelungen, das Riesenopus mit großer Ruhe auszubreiten und dennoch als vitaler Impulsgeber die enorme Innenspannung bewusst zu machen. Viel Szenenapplaus, Ovationen zum Schluss für eine Wiedergabe voller Temperament und Wärme.
 

Bietigheimer Zeitung v. 14.11.2001

Mit den Lombarden auf dem Kreuzzug

Der Stuttgarter Liederkranz mit konzertanter Aufführung

(sz) So muss das Gefühl bei einer Oper sein: Mit der Musik alles vergessen, in die Musik hineinschlüpfen, so dass man sich fühlt, als sei man mit Pagano und Arvino und den anderen Lombarden gemeinsam auf Kreuzzug durch das Heilige Land.
Ein Jammer, dass Verdis Nabucco-Nachfolgeoper so selten inszeniert wird, man hatte bei der konzertanten Aufführung am Sonntag in der Liederhalle in Stuttgart den Eindruck, dies ist das bessere Werk.
Der Stuttgarter Liederkranz hatte sich zur Aufgabe gemacht, dieses selten gespielte Werk zu bewältigen. Und man muss sagen, es war ein Genuss.
Auch wenn Verdis wundervolle Komposition und die fesselnde Handlung, unterstützt durch die emotionale Musik über manche Unebenheit hinwegtäuschte. Und schon alleine, dieses Mammutwerk auf die Bühne zu bringen war ein Applaus wert, den die Ausführenden denn auch zuhauf bekamen.
Aber man muss das Meiste auch loben: vor allem den vielköpfigen gemischten Chor, wobei die Männerstimmen durchaus den besseren Part abgaben und gefühlvoller intonierten. Allerdings wurde dieses Geschlechter-Ungleichgewicht ausgeglichen durch die Solisten: Hier war es vor allem Helen Bickers als Giselda, die begeisterte. Aber auch die Mezzosopranistin, die aus Stuttgart stammende Carmen Mammoser, sang zuverlässig. [...] Neben der Sopranistin Helen Bickers mussten die Herren etwas zurücktreten, trotz allem, war Tenor Mario Carrara eine Ohrenweide. Schade, dass er erst im Dritten Akt als Oronte zum Zuge kam.
Auf jeden Fall gebührt dem Stuttgarter Liederkranz ein Dank, der sich seit mehr als 175 Jahren der Musik annimmt und mit dieser Aufführung wahrhaft Kunst geboten und Größe bewiesen hat.
 

Stuttgarter Zeitung v. 13.11. 2001

... Mario Carrara, ein Tenor, der stilvoll phrasieren kann, betörende hohe Töne produziert und zwingend nuanciert singt. Nach dem kraftraubenden Duett mit Giselda scheidet er allerdings endgültig aus dem Leben, nicht ohne jedoch seinen Geist zu schicken, der die Kreuzfahrer zur letzten Schlacht führt. Hier findet sich das entzweite Brüderpaar wieder, Pagano bereut, Arvino verzeiht ihm, und beim trostreichen Anblick Jerusalems stirbt Pagano.

Zu diesem überaus komplizierten Plot hat Verdi Musik gefunden, die sich über weite Strecken an Schematismen orientiert. Innige Gebete hie, patriotische Chöre da. Gerade der letzte Akt droht ausheutiger Sicht zum Kitsch zu verkommen, da kann sich das Orchester unter Leitung Ulrich Walddörfers noch so um Schmiss, Verve und das Verdi-typische "Ramtatatata" bemühen. Großes Lob jedoch gebührt dem Stuttgarter Liederkranz, speziell dem Herrenchor, der mit Eleganz und Leichtigkeit und schöner Klangfärbung seinen Part glänzend bewältigt. Lediglich der Frauenchor hatte zu Beginn der Aufführung noch mit Intonationsschwierigkeiten zu kämpfen. Von den Solisten ist neben dem Tenor vor allem die Sopranistin Helen Bickers in der Rolle der Giselda zu loben. Der Tenor Heiko Börner wirkte als Arvino meist überfordert, die Stimme klang matt und rau. Ähnliches galt auch für den kurzfristig eingesprungenen Pawel Izdebski, der als Pagano mit den Höhen seine liebe Mühe hatte. Zu loben sind noch Carmen Mammoser und Martin Hausberg, die ihre Nebenrollen mit schönen Stimmen erfüllen.

Von Markus Dippold
Stuttgarter Wochenblatt v. 7.11.2001

Chordirektor Ulrich Walddörfer gab drei Wochen vor der konzertanten Aufführung der Oper, „I Lombardi alla prima crociata” von Giuseppe Verdi, ein ausführliches Interview. Er erklärt, wie er bei solchen Projekten vorgeht und gibt Auskunft über seine Arbeitsweise und Ziele mit den Chören, die er leitet und warum er als Operndirigent gerne Amateurchöre dirigiert. Hier geht es vor allem um die Konzertchöre Stuttgarter Liederkranz und deren stimmliches Potenzial. Er schildert außerdem seine eigene musikalische Entwicklung und wie Musik zuerst seine Freizeit ausfüllte, bis allmählich der Entschluss reifte, Musiker zu werden. Eine Zusammenfassung des Gesprächs erschien am 7. November im Stuttgarter Wochenblatt in den Ausgaben Mitte/Süd und Norden/West.
 

Das Interview führte Ruth Tollnek,
freie PR-Referentin beim Stuttgarter Liederkranz, 1. Alt, seit Februar 1999.

Herr Walddörfer, wie geht es Ihnen jetzt, nach der Chorprobe mit den Männern, drei Wochen vor dem großen Herbstkonzert?
Heute ganz gut; nachdem inzwischen alle mit der Musik und insbesondere auch mit der italienischen Originalsprache vertrauter sind, können wir jetzt auch mal längere Passagen einfach „durchziehen“. Ich merke, langsam haben sie alle Spaß daran.

Wie sieht Ihr Tagesprogramm zur Zeit aus?
Ich habe gerade drei große Projekte gleichzeitig in Vorbereitung. Alleine für die Lombarden muss ich 900 Partiturseiten lernen. Das mache ich vormittags. Gleichzeitig muss ich mich jedoch auch um die Solisten kümmern. Die erforderlichen Absprachen sind meistens ebenfalls Termine für den Vormittag, das heißt, ich teile meine Zeit sehr genau ein.

Wie läuft die Bearbeitung eines so großen Musikwerkes, wie die Lombarden von Giuseppe Verdi, womit beginnt Ihre Arbeit nach der Wahl eines Stückes?
Aus Gründen der Arbeitsökonomie höre ich mir erst mal einige Aufnahmen des entsprechenden Stückes an, wenn es welche gibt. Die Einspielungen differieren zum Teil sehr stark sowohl in der Art der Interpretation als auch in der Qualität, aber ich bekomme einen ersten Eindruck vom Gesamtklang und von der Instrumentation. Im nächsten Arbeitsgang „bearbeite“ ich die Partitur. Ich teile in einer formalen Analyse das Werk in Großabschnitte, Kleinabschnitte, zuletzt in einzelne Phrasen ein – um harmonische Besonderheiten zu verstehen – und mache Motive kenntlich. Außerdem „male“ ich gerne: ich zeichne die Solisten - blau - und den Chor - rot - an, um Verwechslungen der Stimmen vorzubeugen und das sonst farblich ziemlich eintönige Notenblatt visuell etwas griffiger zu gestalten. Im dritten Schritt spiele ich mir die Partitur am Klavier durch, mit dem Ziel, das Werk weitgehend auswendig zu lernen. Am besten bereitet man sich mit einer guten Partiturkenntnis vor, dann sind auch spontane Reaktionen in überraschenden Situationen leichter möglich. Diese Überraschungen gibt es besonders in den solistischen Abschnitten, wenn man oft erstmals bei der Generalprobe alle Gesangssolisten beisammen hat, während man sich ja mit den Chören längerfristig vorbereitet.

Was möchten Sie bei den Lombarden besonders heraus arbeiten, welche Klangfarben, welche Stimmung möchten Sie erzeugen?
Diese Oper ist ein frühes Werk von Verdi. Er hat es stark auf Stimmungsextreme angelegt. Diese Gegensätze zeigen sich in martialischen Männerchören, die neben wunderbar lyrischen Arien Giseldas stehen. Auch innerhalb der Chorstücke wechseln Stellen in Fortissimo und Pianissimo abrupt. Diese Gegensätze heraus zu arbeiten, ist meine Aufgabe.

In den solistischen Partien wurzelt dieses Frühwerk Verdis noch stark in der italienischen Belcanto-Tradition eines Donizetti oder Bellini: virtuose Gesangslinien über einer relativ schematischen Orchesterbegleitung.
Wo ist nach Ihrem Empfinden das Herz der Oper? Wo sind „Ihre” Stellen?
Das „Herz“ der Oper ist Ende des 2. Aktes, als Giselda in einer Vision plötzlich erkennt, dass Blutvergießen aus vorgeschobenen „Glaubensgründen“ nicht Gottes Wille sein kann.

Che mai non furono di Dio parole Quelle onde gli uomini sangue versar. - Denn es waren niemals Gottes Worte an die Menschen, diese Fluten von Blut zu vergießen.

No , Dio nol vuole, no, Dio nol vuole Ei solo di pace scese a parlar    Nein, Gott will es nicht, Er kam nur zur Erde, um Frieden zu verkünden.

„ Meine Stellen“ sind derzeit Giseldas Gebet aus dem ersten Akt und der Beginn des dritten Aktes mit der Chorszene „Gerusalem“, wenn die Kreuzfahrer erstmals das Ziel ihrer Träume, nämlich die Heilige Stadt vor Augen haben.

Nach den Ereignissen der letzten Wochen wurde der Begriff Kreuzzug aus dem historischen Kontext in unsere Zeit geholt. Hat sich Ihr Gefühl, Ihre Beziehung zu diesem Werk seitdem verändert? Wenn ja, wie?
Schon seit Jahren habe ich den Wunsch, diese selten aufgeführte, ausgesprochene Choroper einmal ins Programm zu nehmen. Im Laufe des letzten Jahres entschloss sich der Stuttgarter Liederkranz, mit diesem Werk das Verdi-Jahr etwas abseits des Mainstreams zu begehen. Es ist tolle Chormusik, in Stuttgart ist es eine Erstaufführung und war auch an anderen Orten nur selten zu hören. Natürlich ist das Thema Kreuzzug, jetzt nach dem 11. September und seinen Folgen, unversehens zu einer heiklen Geschichte geworden. Obwohl es in einigen Passagen ganz schön kriegerisch zur Sache geht, hat Verdi die Oper, nach meiner Meinung, nicht gegen Muslime geschrieben. Er hat ein historisches Ereignis als Plattform menschlicher Schicksale und mit der entsprechenden Dramatik gewählt, an dessen Ende Versöhnung und Friede stehen. Auch die oben zitierte Stelle aus der Partie der Giselda ist ein Beweis dafür, dass es Verdi niemals um Kriegsverherrlichung ging.
Er wollte im Gegenteil die Sinnlosigkeit von Glaubenskriegen vor Augen führen, und in dieser Hinsicht betrachte ich es fast als eine Intuition von oben, dieses Werk zum gegenwärtigen Zeitpunkt aufzuführen.

Wie sieht die Orchesterarbeit mit dem Liederkranz-Orchester in Zeiten der Konzertvorbereitungen aus?
Mit dem Orchester sind wir in der Vorbereitung  für das Februarkonzert und die Proben finden natürlich regelmäßig statt.

Welche Prioritäten setzen Sie bei der Arbeit mit Ihren Chören?
Ein Chor muss ein Stück im doppelten Sinne „draufhaben” sowohl vom musikalischen Können her als auch vom Wissen um den geistigen Inhalt eines Werks. Nur wenn man ein Werk wirklich beherrscht, hat man während der Aufführung wirklich Spaß an der Musik und nicht Angst.

Wo sehen Sie beim Liederkranz Entwicklungsmöglichkeiten?
Als Chorleiter versuche ich, mit meiner Arbeit aus einer Gruppe von über 200 Individuen einen Chor mit größtmöglicher Homogenität zu formen. Alle sollen, trotz unterschiedlichem Niveau, mitsingen können. Es gibt Leute, welche die Musik lernen müssen und solche, die vom Blatt singen können, auch die sollen sich nicht langweilen. Diese Aufgabenstellung war mir klar, bevor ich hierher kam. Jeder Chorleiter hat seine eigene Vorstellung und Handschrift, was die sogenannte „Verbesserung“ des Chors betrifft. Diesbezüglich denke ich, wir haben uns in den letzten Jahren sehr erfolgreich aufeinander zubewegt.

Sie waren Operndirigent und bewarben sich um die Leitung eines Amateurchores, warum?
Im professionellen Theaterbetrieb hat man zwar den Vorteil, ausschließlich mit Profis arbeiten zu können. Alles läuft mit sehr viel Routine, aber eben auch mit den negativen Begleiterscheinungen dieser Tatsache; man bekommt oft den Eindruck einer „Kulturfabrik“. Beim Einstudieren eines Werkes arbeiten oft viele Kollegen gleichzeitig daran und man kann weniger Persönliches einbringen; auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind oft sehr oberflächlich. Außerdem laufen Arbeitsverträge am Musiktheater meist nur ein oder zwei Jahre; für Musiker mit Familie besteht darin ein besonderes Risiko.
Ich habe im Lauf der Jahre gemerkt, dass mir, auch mit Rücksicht auf meine Familie, eine längerfristig angelegte Arbeit mehr zusagt.
Beim Amateurchor hat man eher die Möglichkeit, ein Ensemble zu formen. Hier muss man sich zwar in den Proben auch mit ganz elementaren Dingen befassen, aber es ist spannend zu erleben, zu welchen Höchstleistungen Amateure fähig sind. Innerhalb der letzten Tage vor dem Konzert muss ich dann Chor, Orchester, Solistinnen und Solisten in sehr kurzer Zeit zusammenführen. Das ist immer eine große Herausforderung. Zumindest, was Orchester und Solisten betrifft, arbeiten wir ja auch im Amateurchorbereich mit Profis zusammen.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen Amateurchor und professionellem Chor?
Im Amateurchor ist die Gemeinschaft wichtig, in der Arbeit spielt der lange Vorlauf der gemeinsamen Entwicklung des Werks, die eigentliche Rolle. Der Liederkranz hat zudem extrem hohe eigene Ressourcen. Dieses vorhandene stimmliche Potenzial möchte ich weiter entwickeln und nehme dabei leichte Einbußen im Endergebnis bewusst in Kauf, denn ich möchte die Gemeinschaft im Chor fördern.  Zu dem Potenzial gehört auch, dass der Liederkranz Männerchor und Frauenchor zur Verfügung hat, die eigenständig oder gemeinsam agieren können, das macht die Arbeit leichter, wenn wir eine Oper einstudieren. Professionelle und semi-professionelle Chöre sind keine Gemeinschaften mehr, sondern eher Kartei-Chöre, die nach den Bedürfnissen eines Projekts zusammengestellt werden. Vor allem bei den Mischformen kann es zu enttäuschenden Situationen für die eigentliche Chorgemeinschaft kommen, wenn zur Aufführung, an wichtigen Pulten oder in den Stimmführungen, Leute aus der Musikhochschule eingesetzt werden. Die Leute fühlen sich entmündigt und verlieren die Lust am Singen. Im Amateurchor ist die Bewegung gegenläufig, nach einem erfolgreichen Konzert steigt die Motivation.

Welche Ihrer Erwartungen erfüllten sich, welche Entwicklungen brauchen länger als Sie annahmen, welche  Ansprüche an den Chor sind nicht zu realisieren?
Es gibt keine Chorliteratur, die ich für unsere Stuttgarter Konzertchöre des Liederkranzes als abgehakt ansehe. Das macht unseren Chor für Leute attraktiv, die Vorkenntnisse haben, anspruchsvoll singen wollen und Chorarbeit als Gemeinschaft erleben wollen. Die Situation ist kein Ist-Zustand sondern ein beständiger Prozess, an dem wir weiter arbeiten müssen und können. Die chorsinfonische Literatur ist sehr vielfältig und bietet unserem Chor große Möglichkeiten.

Der Liederkranz hat eine lange Tradition, schauen Sie in diese Geschichte hinein, um die jeweiligen Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen herauszufinden, die Ihre Vorgänger zum Erhalt des Chores im Lauf der Zeiten gewählt haben?
Ja, ich schaue in diese Geschichte hinein. Prof. Walther Schneider hat in seiner Zeit Männerchor und Frauenchor zu gemeinsamen Aufführungen zusammengeführt. Das war die wichtigste Entscheidung für den Fortbestand des Chores als Ganzem.
Für mich ist ein Ideal, dass die Leute angstfrei mitsingen, dann sind auch unsere Ziele gut zu erreichen: Mit den vorhandenen Mitteln maßstäbliche Aufführungen zu machen, wobei die Chormusik, mit der wir auftreten, auf den Chor passen muss, damit die Menschen zu uns kommen wollen, um uns zu hören und der Chor musikalisch ernstgenommen wird mit seinem besonderen Profil.

Sie führen die Chöre und das Orchester des Liederkranzes in die Zukunft. Wie sieht dieses eigene Profil in Ihrer Vorstellung aus? Wo ist das Ziel der Stuttgarter Konzertchöre des Liederkranzes mit seinem Orchester? Wo sehen Sie deren Platz in der Gemeinschaft der Chöre und in dieser Stadt?
Wir geben jährlich zwei Konzerte in Stuttgart, sind damit als wichtige, kulturelle Institution präsent und bieten Musik auf hohem Niveau. Zur passenden Literatur zählen konzertante Opernaufführungen genauso wie Spezialliteratur für Männerchöre und Frauenchöre. Das dritte ist der chorsinfonische Bereich aus Romantik und Moderne. Wir werden weiterhin Werke singen, wie die von Verdi, von dem wir schon einige Opern konzertant aufgeführt haben. Zur Erweiterung unseres Repertoires gehören für mich ebenso moderne Werke. Messen (wie Puccini) und Oratorien werden wir ebenfalls weiterhin singen. Die Konzertreise nach Florenz war ein großer Erfolg, auch in der Hinsicht, dass Leute, die als Gastsänger für dieses spezielle Projekt dabei waren, zum Teil jetzt Mitglieder geworden sind. Das wichtigste Ergebnis war, dass unser eigenes Orchester in der Lage war, den Chor zu begleiten. Ein Ziel ist, das gemeinsame Repertoire von Chor und Orchester zu vergrößern und die Reihe derartiger Projekte fortzuführen. Deshalb geht im nächsten Jahr die musikalische Reise nach Budapest.

Wann und wie stellten Sie das erste Mal fest, dass Musik Ihnen mehr bedeutet als den meisten Menschen um Sie herum und wann wussten Sie, Musik bestimmt mein Leben?
Klavierunterricht erhielt ich seit meinem 8 Lebensjahr. Zu der Zeit war meine Begeisterung für Musik eher durchschnittlich, bis mich unsere Kantorin in Göppingen eher zufällig für ihren Kinderchor rekrutierte. Jetzt kam ich erstmals mit den Werken von Bach, Schütz, etc. in Berührung. Ich sah auch die Chance, auf diesem Weg an die Orgel zu kommen. Für das Klavier begeisterte mich endgültig die damals recht bekannte, französische Pianistin Dyna Würzner-August, die sich glücklicherweise in Göppingen niederließ und mich seit meinem 14. Lebensjahr unterrichtete. Die Kombination Orgel-Klavier brachte mich unbeschadet durch die Pubertät: Während andere mit Motorrädern durch die Gegend rasten, tobte ich mich schon mal an Orgeln mit 100 Registern aus, wie in Esslingen in der Stadtkirche, wo ich inzwischen bei Werner Schrade Orgelunterricht hatte. So mit 16 wuchs  die Idee, einen musikalischen Beruf zu ergreifen. Naheliegend, und auch als Studium generale vernünftig, erschien mir damals der Studiengang Schulmusik. Zu der Zeit besuchte ich auch regelmäßig die Kantatenwochenenden mit Helmuth Rilling. Mich faszinierte, wie er mit Amateursängern aus der ganzen Umgebung arbeitete und was er mit einem solchen Chor, mit so unterschiedlichen Voraussetzungen, in kürzester Zeit erreichte. Zum Orchesterdirigieren kam ich erstmals bei Sommerkursen in Salzburg und stellte fest, dass ich hier noch ein ganz schönes Defizit hatte. Deshalb entschloss ich mich, nochmals die Schulbank zu drücken, ging nach Berlin an die Hochschule der Künste, wo ich vier Jahre intensiven Dirigierunterricht erhielt und erstmals mit dem für mich völlig neuen Genre Oper in Berührung kam.

Erfuhren Sie von Ihrer Familie eher Unterstützung oder eher Misstrauen, nachdem Sie den Beruf Musiker gewählt hatten?
Meine Eltern trugen meine Entscheidungen immer uneingeschränkt mit und unterstützten mich mit allem, was dafür notwendig war.

Haben Sie Ihre Berufswahl jemals bereut?
Mein Herz gehört der Musik und Dirigieren ist meine Berufung, das erkannte ich während meiner Jahre in Berlin. Wer eine Berufung hat, muss ihr folgen, wie auch das Geschenk einer großen Stimme die Verpflichtung auferlegt, diese zu pflegen und hören zu lassen. Außerdem ist die Vielfalt in der Musik so groß, dass man kaum Gelegenheit hat, in Routine zu verfallen: Zum Beispiel leite ich seit über zwanzig Jahren regelmäßig musikalische Aufführungen und habe absolute Standardstücke wie Mozarts „Requiem” oder Bachs „Weihnachtsoratorium” noch nicht einstudiert. Das steht noch aus. Ich habe meine Berufswahl immer als richtig empfunden.

Welches Ansehen genießen Dirigenten von Amatuerchören bei Kollegen und den vereinzelt gesichteten Kolleginnen?
Das ist eher eine persönliche Sache, da sind die Leute in der Musik, wie alle andern auch. Das hat weniger mit dem Chor zu tun, den jemand leitet, als mit der Persönlichkeit selbst, die am Pult steht.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige Frauen am Pult?
Ich kenne einige Kolleginnen, die ihre Chöre und Orchester mit unbestrittener Kompetenz leiten. Für mich stand deren Autorität ohnehin nie in Frage, da meine musikalischen Anfänge von Dirigentinnen begleitet und gefördert wurden. Vielleicht ist es auch eine Frage des Umfelds. Mit einer Frau mit großer Musikalität verheiratet zu sein, kann bedeuten, das Mittagessen für das Kind kocht öfter mal der Vater.

Was macht Musik mit Menschen?
Musik kann Menschen von sich selbst wegbewegen, individuelle Grenzen aufheben, mit gleicher Intensität kann sie das Gegenteil bewirken.
Musik holt Menschen aus der Uniformität heraus. Sie kann Reservat sein bis zur Flucht aus der Wirklichkeit, sie kann Menschen über sich selbst hinwegtäuschen. Sie kann instrumentalisiert werden, um Menschen mit Werbung zu verführen.
Musik, die anrührt und berührt, kann Menschen zu sich selbst auf ihren eigenen Seins-Grund führen und bringt dort Saiten zum Schwingen, die jemanden sogar in therapeutischer Art aufbrechen können. Musik bewegt immer; welche Art von Musik jemanden bewegt, ist eine Alters- und Typfrage. Sie kann Entwicklungsraum sein für die Seele, vor allem für die junge Seele.

Gibt es Tage an denen Sie sich nicht mit Musik beschäftigen?
Ja, im Urlaub. Bei Fahrten im Winter, in die Berge, höre ich im Auto keine Musik. Das kommt auch vom Weihnachtsphänomen, wenn Musik zum Gedudel verkommt. Außerdem gibt es Tage an denen ich mich mit technischen Basteleien oder mit Programmieren am Computer beschäftige, um zu entspannen.

Sie hätten drei Wünsche frei:
Ich möchte meinen Aufgaben körperlich und geistig in angemessener Weise gewachsen bleiben.
Mein Umfeld wünsche ich mir weiterhin so harmonisch.
Einmal über soviel Geld zu verfügen, dass musikalische Projekte ohne äußere Zwänge möglich wären.

Herr Walddörfer, ich danke Ihnen für das Gespräch.
 

Nürtinger Zeitung v. 15.5.2001

Beseeltheit und Homogenität prägten den
Vortrag 

Ein Beitrag für die Nürtinger Stadtkirche: Benefizkonzert des Stuttgarter Liederkranzes mit Chor und Orchester in der Stadthalle

NÜRTINGEN (itt). Wenn Johann Sebastian Bach, der Erzvater der Musik, über die Alpen und nach Süden blickte, was er gerne tat, war Pergolesi eine der Größen, die es zu beachten galt - jener Pergolesi, mit dessen "Stabat Mater" der Stuttgarter Liederkranz am Samstag in der Stadthalle sein Benefizkonzert zu Gunsten der Nürtinger Stadtkirche eröffnete. Man müsste das "Stabat Mater" ein Spätwerk des Komponisten nennen, wenn man nicht wüsste, dass Pergolesi ganze 26 Jahre alt geworden ist. Die Zukunft, die vor ihm lag, wurde von einem unbegreiflichen Schicksal jäh abgeschnitten.

Wie lebendig seine Musik noch ist, verdeutlichten das Orchester des Liederkranzes und der überaus stattlich besetzte Frauenchor mit weich strömender Fülle. Der Chor erwies sich trotz zahlenmäßiger Stärke als eine schlanke und bewegliche Gruppierung, leicht zu lenken und von bemerkenswerter Intonationssicherheit. Es war beeindruckend, wie locker und entspannt das klang, ohne dass deshalb auch nur einmal die Kontrolle entglitten wäre. Die Gelassenheit ausströmende Bewegungsökonomie bewirkte Dirigent Ulrich Walddörfer mit sicherer und entschiedener Zeichengebung. Der Dirigent der alten Schule ließ keine Zweifel an seinen Intentionen. Er weiß, was er will. Ohne alle Verkünstelungen schlägt er den Takt wie in den Zeiten, als man den Dirigenten noch einen Kapellmeister nannte.

* Eindrucksvolles Volumen

Die Solistinnen standen an Beseeltheit und Homogenität nicht zurück.
Sowohl die Sopranistin Lydia Zborschil wie der Mezzo Carmen Mammoser zeigten erhebliche Erfahrung in der Realisierung der melodischen Linien.
Vor allem die eindrucksvolles Volumen demonstrierende Mezzosopranistin bewies die Kunst atmender Phrasierung und beherrschter Klanglichkeit.

Seinen Sinn für instrumentale und klangliche Valeurs, mit oft überraschenden Detailbelichtungen, unterstrich der Dirigent im "Sonnenhymnus" von Franz Liszt, einem Werk der Rückbesinnung der Kirchenmusik auf ihre liturgische Funktion. Liszt gab dem selten gespielten Werk insofern eine maskuline Note, als er im stimmlichen Bereich ausschließlich Männer einsetzt: Männerchor sowie Tenor und Bariton. Die mächtigen Männerchöre erinnern in ihrem gebändigten Gestus und den fahlen Anklängen auf eine merkwürdige Weise an die Chöre in der "Götterdämmerung", streng in der Schichtung der verschiedenen Figuren und Rhythmen. An einer Stelle lässt Liszt im organisch fließenden Orchesterklang plötzlich Vogelgezwitscher erklingen, Anspielung auf die bekannte Tierliebe von Franz von Assisi, der den "Sonnenhymnus" geschrieben hat. 

Der Tenor Nicolaj Lossifov ließ in der melodischen Ausformung seiner Soli unüberhörbar den Opernsänger erkennen. Selbst die klanglich verschatteten Passagen erfahren eine durchgehörte Helligkeit. Der junge Bariton Teru Yoshihara exzellierte mit einem runden, prägnanten, tragfähigen Ton. Keine intonatorische Trübung störte den schönen Gesamteindruck. Es ist ein kultiviert geführtes, wohllautendes Organ mit Schmelz und Kraft vor allem in den höheren Lagen.

Jugendwerke sind interessante Studienobjekte. Zeigen sie schon die Handschrift des Meisters, sind sie ein Wurf ins Blinde oder weisen sie bereits keimhaft und in Kürzeln Themen auf, die später weiter entwickelt und auskomponiert zur vollen Blüte gebracht werden? Die "Messa di Gloria" von Puccini, den die Engländer gerne "the king of melody" nennen, ist ein Jugendwerk. Im Vergleich zu seinen späteren Opern mit ihren weit ausschwingenden Melodien ist es eine überraschend kompakt konzipierte Komposition mit kantiger Führung der chorischen Elemente und, bedenkt man das Gesamtwerk des Komponisten, erstaunlich zügigen Tempi.

* Die Treibkraft von schmetterndem Blech

Schon in diesem Frühwerk kündigt sich der Opernkomponist an. Gerne und ausgiebig bewegen sich die Stimmen zu dramatischen Tremoli im Orchester, Übervater Verdi huscht mit Marsch-Anklängen durch die Partitur und die Treibkraft von schmetterndem Blech führt den Chor zu mächtigen Ausbrüchen. Der Komponist hat in dem Werk noch nicht ganz seinen eigenen Ton gefunden, aber es lässt keine Zweifel an der Richtung, die er einschlagen wird. Der gemischte Chor des Liederkranzes, ein gewaltiges Ensemble, das selbst auf der großen Stadthallenbühne samt Vorbau kaum Platz fand, realisierte die "Messa" mit rauschender Emphase. Hier wurde jubilierend, mit Gusto und Verve Gottes Lob gesungen.

Das Publikum, das etwas zahlreicher hätte kommen können, zeigte sich von dem Werk, dem das Spektakuläre nicht fremd ist, überaus angetan. Es gab Beifall, Blumen und nochmals Beifall. Der Verein, der in Stuttgart die erste Liederhalle baute, wird mit demselben Programm in Florenz gastieren, wie Liederkranz-Präsident Dr. Dieter Häussermann wissen ließ. Er dankte allen, die die Veranstaltung in Nürtingen ermöglichten, der Volksbank wie der Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Bachofer, aber auch den Sängern und Instrumentalisten, die ihre Freizeit einbrachten und sich zur Verfügung stellten.

Dekan Hans-Martin Steck konnte noch an Ort und Stelle das geldwerte Resultat aus dem Konzert in Empfang nehmen. Es kommt der brandgeschädigten Stadtkirche zugute. Die Veranstaltung sei, meinte Hans-Martin Steck, ein Beispiel für Solidarität über Grenzen hinweg.

Ein Benefizkonzert für die brandgeschädigte Nürtinger Stadtkirche gab der Stuttgarter Liederkranz am Samstag in der Stadthalle. Die Konzertchöre des Vereins, sein Orchester und Solisten realisierten geistliche Werke von Pergolesi, Liszt und Puccini. Bei der Übergabe des Schecks, die sich an das Konzert anschloss, entstand auch die Aufnahme. Sie zeigt links Dekan Hans-Martin Steck, rechts Dr. Dieter Häussermann, Präsident des traditionsreichen Stuttgarter Liederkranzes. itt

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