Pressestimmen 2002
Stuttgarter Zeitung  v. 14.11.2002

Matte Butzenscheiben

"Odysseus" im Beethovensaal"

"Szenen aus der Odyssee" nennt Max Bruch sein Werk, dass nicht Oper sein soll, nicht Oratorium sein kann, sondern irgendwie lyrisch sein soll. Aus Homers gigantischem Versepos hat Bruch Szenen ausgewählt, die beim Zuhörer voraussetzen, dass er das Ganze kennt. Diese Szenen vermeiden jegliche Dramatik, setzen ausschließlich auf lyrische Beschreibungen, auf die Innerlichkeiten und Befindlichkeiten der Personen.

Der Stuttgarter Liederkranz hat unter seinem Dirigenten Ulrich Walddörfer diesen lyrischen Homer-Bruch im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle aufgeführt. Den Chören kann man für Ihre leistung durchaus Lob zollen. Denn von einigen kleinen Intonationstrübungen abgesehen, klingt das frisch, beweglich und variabel in der Dynamik. Unscharfe Einsätze, verschuldete Walddörfer, der sich manchmal zu wenig um seine Choristen und mehr um seine Partitur kümmerte. Dabei bietet die kaum Schwierigkeiten. Behaglich, beschaulich, wie hinter rheinischen Butzenglasscheiben kommt dieser Homer daher.

Da schimmert ein bisschen Schumanns "Rheinische Sinfonie" durch, da hört man die unerreichten Vorbilder Brahms und Wagner. Ein gutes Händchen hatte Bruch dagegen für Orchesterfarben, die bei den Mitgliedern des Stuttgarter Staatsorchesters funkelnd aufleuchten. Da pulsen die Pizzicati der Streicher, wenn die fahrenden Rhapsoden in die Harfe greifen, da tun sich dunkle Abgründe im dichten Streicherklang der Penelope-Szenen auf.

Doch Melodien, die man im Kopf mit nach Hause nehmen könnte, die findet man nicht. Das größte Lob dieses Abends gebührt Thomas Wittig. Der Bariton war kurzfristig für den erkrankten Wolfgang Schöne eingesprungen und sang einen beeindruckenden Odysseus. Carmen Mammoser war mit farbenreichem Mezzo eine tieftraurige Penelope. überstrahlt wurde sie von der fulminanten, leider unterbeschäftigten Sopranistin Christiane Libor, die mit Durchschlagskraft, Sensibilität und strahlenden Höhen aufhorchen ließ. dip
 

Südwest Presse  v. 13.11.2002

Chorgesang für Odysseus

KONZERT / Stuttgarter Liederkranz mit Max Bruch

Ein Plädoyer für den Chorgesang gelang dem Stuttgarter Liederkranz mit der sangesmächtigen Aufführung von Max Bruchs "Odysseus"-Szenen in der Liederhalle.

HANNS-HORST BAUER

STUTTGART Für einen Chor von diesen Dimensionen, wie ihn der renommierte, bereits 1824 gegründete Liederkranz mit knapp 200 Sängern aufbot, war auf der Chor-Empore im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle allein natürlich kein Platz. Nur die Männerstimmen durften nach oben, die Frauen, die mit türkis- und blaufarbigen Schals für optische Aufmunterung sorgten, standen direkt hinter dem Orchester. Trotzdem klangen beide Chorteile durchweg homogen zusammen, stürzten sich vehement, leider kaum textverständlich, in Max Bruchs hochromantische Auseinandersetzung mit Homers Odyssee-Epos.

Der Komponist aus dem Bergischen Land, der mit seinem ersten Violinkonzert einen absoluten Wunschkonzert-Hit gelandet hatte, wurde zu seinen Lebzeiten allerdings mehr für seine großen Chorwerke denn für sein sinfonisch-instrumentales Schaffen gefeiert. Gerade seine Szenen aus der Odyssee, uraufgeführt 1873 in Barmen/Wuppertal hatten es Konzertbesuchern und Choristen angetan. Allein drei Lorbeerkränze und ein großer Waschkorb voller Bouquets wurden Bruch am Tag nach einer Aufführung in Krefeld ins Haus geschickt.

Solch überschwänglich-ausufernde Begeisterung, geschweige denn die hehren Gefühle des Komponisten ("eine Wonne, die nicht zu beschreiben ist") kann man heute kaum mehr nachvollziehen, denn Bruchs Opus 4 wirkt doch in weiten Teilen eher harmlos-bieder. Im Vordergrund stand für ihn wohl, ob der Held Odysseus nun auf der Insel der Calypso weilte, sich mit den Sirenen herumschlug, dem Seesturm trotzte oder bei den Phäaken zu Gast war, das (rheinische) Heimat-Motiv. "Nirgends ists lieblicher als in der Heimat, in der lieben Eltern Arm, an der trauten Gattin Brust", klingt es gefühlvoll und bombastisch im Schlusschor.

Das kann peinlich und penetrant werden, wenn die musikalischen Kräfte an der Oberfläche bleiben. Doch Ulrich Walddörfer animierte nicht nur seine Chöre zu vokalen Höchstleistungen, sondern auch die Mitglieder des Staatsorchesters zu engagiertem Einsatz für Bruchs oratorische Rarität. Auch die Solisten, die hier eher rezitativisch denn arios gefordert waren, trugen zum Erfolg der Aufführung bei: Thomas Wittig in der Titelpartie, Carmen Mammoser mit zwei ausdrucksstarken Penelope-"Arien", aber auch Christiane Libor, Martin Hausberg und Jörg Aldag: "Strahlendes Frührot, willkommen. Triumph!" So einfach ist das. 
 

Stuttgarter Nachrichten  v. 13.11.2002

Der Stuttgarter Liederkranz mit Bruchs "Odysseus": Viel Handwerk, kein Genie

Max Bruch durchlebte die gesamte deutsche Romantik und starb erst 1920 im Alter von 82 Jahren. Seine Karriere war beispiellos, doch von seinen knapp 100 Werken hat sich im heutigen Repertoire kaum etwas gehalten. Jetzt hatte sich der Stuttgarter Liederkranz mit seinen rund 200 Sängerinnen und Sängern im Beethovensaal Bruchs weltliche Kantate "Odysseus" vorgenommen.

Das 1874 vollendete Stück erzählt allerdings keine Handlung, sondern illustriert nur mit großem Aufwand einige stimmungsvolle Szenen. Der Chorklang sowie raffinierte Klangfarben- und Harmoniewechsel bieten dabei vereinzelt reizvolle Effekte. Doch vieles klingt wie eine stetige Überleitung zu einem charaktervollen Hauptthema - das dann doch nicht kommt. Während der über zweistündigen Aufführung prägt sich keine Melodie ein. Es existiert wohl kaum eine so aufwendige Komposition, die geprägt ist durch so viele Tonwiederholungen, Dreiklangsbrechungen und Läufe - dem Handwerker Bruch fehlte das erfinderische Genie.

Ulrich Walddörfer, der große Chor und Mitglieder des Staatsorchesters hatten sich bewundernswerte Mühe gegeben und schafften es, die großen Spannungsbögen farbkräftig zu modellieren. Der Liederkranz sang mit üppigem Klang erstaunlich intonationssicher und bewies akzeptable Synchronität bei der Artikulation, auch wenn er in kleine Gruppen aufgeteilt wurde. Nur gelegentlich glitt dann der Klang zu sehr ins allzu Weiche ab, fehlte ihm der vernehmbare Kern einer vokalen Substanz.

Ausgerechnet der Sänger der Titelrolle, der Bariton Wolfgang Schöne, musste kurzfristig wegen Erkrankung absagen. Das war die Chance für den Leipziger Thomas Wittig. Ihm gelang es beeindruckend, die ungeheuren Textmengen verständlich zu bewältigen; sein Bariton wies eine tenoral gefärbte Höhe mit ausgeprägt lyrischen Fähigkeiten auf, sein tiefes Fundament verlieh den Basslagen enorme Fülle. Zweiter Glanzpunkt bei den Solisten war die Sopranistin Christiane Libor, die die Partien der Meeresgöttin Leukothea, der Phäakenprinzessin Nausikaa und der Göttin Pallas Athene sang; vor allem Letztere gestaltete sie mit dramatischem Impetus und fabelhaft klarem Timbre. Da fiel die Mezzosopranistin Carmen Mammoser in ihren Rollen der Antikleia, der Arete und der Penelope etwas ab. Sie sang zwar sicher und mit beachtlichem Volumen, konnte aber weder das Timbre noch das Vibrato ausreichend steuern. Ulrich Koeppen
 

Reutlinger General-Anzeiger  v. 1.7.2002

Großartiger Gastchor

Stuttgarter Liederkranz in der Marienkirche Reutlingen

Der Reutlinger Liederkranz blickt auf 175 Jahre Vereinsgeschichte zurück. Im Rahmen des umfangreichen Jubiläumsprogramms hatten die Reutlinger den befreundeten Liederkranz aus Stuttgart eingeladen, den ältesten Liederkranz überhaupt und zugleich einer der größten weltlichen Amateurchöre Deutschlands. Mit einem Programm geistlicher Musik, das sie bereits Anfang des Monats auf ihrer Konzerttournee nach Budapest aufgeführt hatten, waren die Stuttgarter am Samstag angereist. 

Das Sinfonieorchester eröffnete den Abend in der Marienkirche mit der Sinfonia d-Moll Gaetano Donizettis. Den unheimlichen Beginn mit einem Paukenwirbel und die opernhafte Haltung der Sinfonia nahmen die Instrumentalisten mit Temperament und italienischem Esprit. Sehr empfindsam intonierte die Konzertmeisterin das kurze Violinsolo. 

Es dauerte nur kurz, bis der Frauenchor ein kräftiges Forte in Donizettis »Parafrasi del Christus« erreichte, das er dann mit Eindringlichkeit und Intensität durchzuhalten vermochte. Als vorbildlich hervorzuheben war hier die perfekte Deklamation des in Originalsprache gesungenen italienischen Textes.

Der Männerchor überzeugte anschließend in Franz Schuberts »Hymnus an den Heiligen Geist« durch die leichte Höhe der Tenöre und das satte Fundament der Bässe. Dass das Soloquartett auch mit zwei Sängern aus den Reihen des Chores besetzt werden konnte, spricht für das ausgezeichnete Stimmpotenzial des Liederkranzes. 

Dicht an dicht reihten sich die Sängerinnen und Sänger im Altarraum beim Hauptwerk des Abends, Charles Gounods »Cäcilienmesse« aus dem Jahr 1855, aneinander. Man spürte es deutlich: Diese Musik gefiel und lag Chor und Orchester besonders. Unter der souveränen und versierten Leitung von Dirigent Ulrich Walddörfer trumpften sie mit Stimmkraft und Leidenschaftlichkeit auf, ohne dabei die sakrale Würde des Werks zuverkennen. Der Unisono-Beginn des Kyrie erklang majestätisch. Die opernhafte Ausdrucksstärke des Gloria gelang ebenso wie das hymnische »Credo«, dessen machtvolles Chor-Unisono ein bestechendes Bekenntnis des Glaubens darstellte. Vorbildlich begleiteten Chor und Orchester auch die solistischen, arienhaften Partien von Tenor und Alt solo im »Sanctus« und im »Benedictus«. Verinnerlicht und zurückgezogen nahmen sie das demutsvolle »Agnus Dei«, das auch als Zugabe wiederholt wurde. 

Das treffliche Solistenquartett harmonierte nicht nur bei der Gounod-Messe sondern auch in den Werken Donizettis und Schuberts ganz ausgezeichnet mit den Mitgliedern des Liederkranzes. Lydia Zborschil bestach mit ihrem herrlich dunkel gefärbten strahlenden Sopran; der warm timbrierte Alt der bekannten Stuttgarter Sängerin Carmen Mammoser faszinierte besonders im Kommunions-Einschub »Domine, non sumus dignus« des »Agnus Dei«. Der geschmeidige, lyrische Tenor von Thomas Ströckens zeichnete sich durch einen betont italienischen Gestus aus. Etwas belegt erschien zunächst der dunkle Bariton von Teru Yoshihara, der dann aber rasch zu einer ausgesprochen flexibel agierenden Stimme aufblühte. - Dass Chor und Orchester eine ausgezeichnete Leistung geboten hatten, darüber waren sich alle Zuhörer in der sehr gut besuchten Marienkirche einig. 
Ulrike Aringer-Grau
 

Reutlinger Nachrichten v. 1.7.2002

Träumerisch bis triumphal:
Wundersame Weisen

Der Stuttgarter Liederkranz gastiert in der Jubiläumsreihe der hiesigen Sangeskollegen - Donizetti, Schubert, Gounod

Von tiefer Gläubigkeit geprägt waren die vier Konzertstücke, die der Stuttgarter Liederkranz mitgebracht hatte. Neben zwei Werken des Opernkomponisten Donizetti standen in der Marienkirche Schuberts "Hymnus an den Heiligen Geist" und Gounods "Cäcilienmesse" auf dem Programm. 

ROLAND LUDWIG 

REUTLINGEN Donizettis Sinfonia d-Moll erklang in filigraner Erhabenheit und bezaubernder Zartheit. Das Sinfonieorchester - der Stuttgarter Liederkranz war mit Sängern und Instrumentalisten angereist - verstand es, diesen Kontrast graziös mit Leben zu füllen. 
Zum anschwellenden Pathos gesellten sich hierbei nuanciert vorgetragene Klagemelodien: Beseelte Klänge wechselten mit Weltschmerz-Klagen - das Werk war zum Begräbnis eines Freundes entstanden. Die Interpretation überzeugte durch Homogenität und facettenreichen Feinschliff. 

Pflichtstück

Das zweite Konzertstück - die "Parafrasi del Christus" ebenfalls aus der Feder Donizettis - wurde von Frauenchor und Orchester zum Erklingen gebracht. Ein Werk, das der Komponist selbst als ein "Pllichtstück" bezeichnet hatte. 
Auch hier beeindruckte der Stuttgarter Liederkranz mit zauberhaftem Pathos. Und die beiden solistischen Sängerinnen, Lydia Zborschil (Sopran) und Carmen Mammoser (Alt) meisterten ihre Partien makellos.

Flehen und Frohlocken

Im Werk geht es um Jesu Leiden und Erlösen: Entsprechend kontrastreich gestaltete der Liederkranz seine Wiedergabe - zwischen Jammer und Jubel. 
In Schuberts "Hymnus an den Heiligen Geist" vereinten Männerchor und Orchester helle Klarheit des Klangs mit anmutigem Glanz der Grundtöne. 
Der Echostil zwischen Chor und Solisten, der auch die Wiedergabe der anderen Werke bestimmte, zeigte sich besonders ausgeprägt und brillant gemeistert bei Gounods "Cäcilienmesse". 
Zumal die Passagen der beiden Solisten Thomas Ströckens (Tenor) und Teru Yoshihara (Bassbariton) eine ganze Palette von emotionalen Nuancen aufschimmern ließen: Flehende, frohlockende, erlösende Töne. Hervorragend der Chor - zwischen Schwermut und Schwärmerei. 

Die Hauptpassage von Gounods siebenteiligem Werk besteht aus einem Glaubensbekenntnis, dessen Lobpreis von Jesu Erlöserweg in vielerlei Klangstilen nachempfunden und musikalisch ausgeziert wird. 
So entstand eine wundersame Welt der Töne. in der sich Träumerisches und Triumphales nahtlos verbanden und ergänzten. Dass das ganze Konzert eine musikantische Glanzleistung der Stuttgarter Liederkranz-Ensembles war, bestätigte zu guter Letzt der nicht endenwollende Beifall. 

Glanzleistung

Und unter der Gesamtleitung von Dirigent Ulrich Walddörfer gelang den Gästen ein Konzert, das die Musikära der Romantik zu neuem Leben erweckte.

INFO
Das Gastkonzert des Stuttgarter Liederkranzes ist Teil der ganzjährigen Veranstaltungsreihe zum 175-jährigen Bestehen des Reutlinger Liederkranzes. Zum Jubiläum ist eine Festschrift erschienen.

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