Pressestimmen 2006

 

 

 

Stuttgarter Nachrichten
Dienstag, den 20.02.2006


Liederhalle schreibt Geschichte(n)

Es war ein großes Jahr für einen der schönsten, vor Ort aber in seiner zurückhaltenden Architektur baulich unterschätzten Konzerthäuser. Vor 50 Jahren ist die Stuttgarter Liederhalle, konzipiert von Rolf Gutbrod, eröffnet worden, und das Jubiläum war Anlass für ein hochkarätiges Verabstaltungsprogramm. Rechtzeitig vor Weihnachten legt die Südwestdeutsche Konzertdirektion unter Leitung von Michael Russ jetzt nach "50 Jahre Liederhalle" heißt schlicht ein Dokumentationsband, der tief hinter die Kulissen des Konzert- wie auch des Kongressgeschehens blicken lässt. Herausgegeben von Michael Russ und Wilhelm Busch, ist der Band für 15 Euro zu haben - natürlich auch in der Liederhalle selbst. Unser Foto zeigt den Blick auf das damals neue Haus im Jahr 1956.

StN



Amtsblatt Stuttgart, Nr. 29

Donnerstag, 20. Juli 2006


Kulturstätte edelsten Ranges
Die Stuttgarter Liederhalle wird 50 Jahre alt -
Tag der offenen Tür am Samstag, 22. Juli

Herbert von Karajan und Tina Turner, Maria Callas und Joe Cocker, Yehudi Menuhin und Marlene Dietrich - sie alle haben in den letzten 50 Jahren mit Ihren Auftritten
in der "neuen" Liederhalle für große Konzertereignisse gesorgt. Als "eines der kühnsten Bauwerke moderner Architektur" wurde am 29. Juli 1956 die neue Liederhalle von Adolf Abel und Rolf Gutbrod eingeweiht.
Die hervorragende Akustik wurde zum Vorbild für viele Konzerthäuser.

Wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges schrieb der Stuttgarter Liederkranz einen Architekten-Wettbewerb zum Bau einer neuen Liederhalle aus. Die Architekten Rolf Gutbrod und Adolf Abel wurden mit den Entwürfen beauftragt. Sie verwendeten Materialien, deren Mix und Oberflächenbehandlung das neue Bauen der 50er Jahre charakterisieren.

Allerdings überstiegen die Kosten die finanziellen Möglichkeiten des Liederkranzes, so dass die Stadt Stuttgart einsprang und das "geglückte Wagnis", so ein Kommentar, auf sich nahm.

Im Januar 1955 fuhren die Baumaschinen auf dem Gelände der im Krieg zerstörten alten Liederhalle auf. Am 29. Juli 1956 wurde das "avantgardistische Auditorium", das einer Weltstadt Ehre macht", so die Los Angeles Times, eröffnet. Vor 2000 Gästen spielte das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Karl Münchinger Werke von Bach. Ferdinand Leitner, der Generalmusikdirektor des Württembergischen Staatstheaters, dirigierte Carl Orffs "Carmina Burana".

Mittelpunkt der Kultur

Oberbürgermeister Arnulf Klett eröffnete die "Kulturstätte edelsten Ranges" als "Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Landeshauptstadt". Unter lang anhaltendem Beifall verkündete er zudem, dass der Platz um die Liederhalle fortan den Namen "Berliner Platz" tragen solle, als Bekenntnis zur eigentlichen Hauptstadt Deutschlands". Obwohl mancher Stuttgarter anfangs noch von einem "Musiksilo" oder "Betonbunker" sprach, wurde das "akustische Wunderwerk" national und international bald zu einer der bedeutendsten und richtungsweisenden Konzertbauten der Nachkriegszeit. Der weltberühmte Geiger Yehudi Menuhin lobte die Liederhalle als "akustisch hervorragend", und für Karl Münchinger hatte der Beethovensaal "die beste Akustik des Kontinents".

Hervorragende Akustik

Im Beethovensaal, der den Grundriss eines Konzertflügels hat, hört man Mozart und Schumann nicht in den üblichen vier Wänden, sondern in fünf und mehr. Raffiniert verschiebbare Holzverschalungen und verstellbare Deckenteile machden die Akustik geradezu sichtbar. Das architektonische Konzept nach den Grundsätzen des "organhaften Bauens" wurde, so Gutbrod und Abel , aus dem "musikalischen Gesetz des Kontrapunkts" entwickelt. Die drei Säle mit rund 2000, 750 und 350 Plätzen sind deshalb nicht nur in ihrer Größe differenziert, sondern auch in der Form der Baukörper und der Oberflächengestaltung mit unterschiedlichen Materialien völlig verschieden gestaltet - eine Symphonie von verschiedenen Raumformen, deren Ouvertüre das Foyer ist.

1991 kamen mit dem Hegelsaal mit knapp 2000 Plätzen und dem Schillersaal mit etwa 460 Plätzen zwie neue Bauten hinzu. Nach zweijähriger Sanierung der Liederhalle wurde der neue Gesamtkomplex Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle (KKL) 1993 in Betrieb genommen.


Alexander Reck



Amtsblatt Stuttgart, Nr. 29
Donnerstag, 20. Juli 2006


Wohnung des Volksgesangs

Ach, ich käme ja mit Freunden,/Ja, zu kommen wär Pflicht,/Aber solche
Sprünge leiden/Meine sanften Drachen nicht.
Als der Stuttgarter Liederkranz am 11. Dezember 1864 zur Eröffnung seiner Liederhalle an der Ecke Büchsen-/Militärstraße einlud, entschuldigte sich Ehrengast Eduard Mörike mit diesen Versen - wobei er mit den "Drachen" seine Schwester und seine Frau meinte.

Nach einem Festzug durch die Stadt begann der "Weiheakt" in der neuen, von Christian Leins innerhalb von zwei Jahren erbauten Liederhalle. Nach Festreden und einem gelungenen Konzert verwandelte sich die neue "Wohnung des Volksgesangs" in einen großen Bankettsaal, der im "Tageslicht der Gasbeleuchtung" erstrahlte.

Fast elf Jahre nach der Eröffnung wurde im Oktober 1875 ein großer, ebenfalls von Leins erbauter Festaal für rund 4000 Besucher eröffnet, der zu den größten und schönsten in Deutschland gehörte. Seine ungewöhnlich gute Akustik machte ihn bei Musikern und Sängern in ganz Europa bekannt.

Bei einem Bombenangriff wurde die alte Liederhalle im Oktober 1943 zerstört.

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"Gegensätzliches in Inhalt und Stil"


Ein Konzert ist Musik live - bedeutet persönlichen Einsatz, Lampenfieber, Adrenalin, Mut zum Risiko, ist Freude am Singen und Musizieren - hier und jetzt - und daher zwangsläufig meilenweit entfernt von digital aufbereiteter Makel-losigkeit. Ganz bewusst stellen wir hier die beiden Kritiken von Erwin Schwarz, Stuttgarter Nachrichten, und Markus Dippold, Stuttgarter Zeitung, zur Aufführung des Verdi-Requiems vom 12. November 2006 im Beethovensaal gegenüber. Wir freuen uns, dass wir in der Liederhalle Musik machen können. Und wir freuen uns darauf, was das Jahr 2007 an musikalischen Herausforderungen für uns bereit hält.

Regina Hüser


Stuttgarter Nachrichten

Dienstag, den 14.11.2006

Stuttgarter Liederkranz mit Verdis Requiem im Beethovensaal
Für die Annalen


Wenn Ulrich Walddörfer seine Konzertchöre das "Requiem aeternam" zu Beginn
der Totenmesse Verdis flüstern lässt, gewinnt man schon optisch den Eindruck,
die ganze Menschheit flüstert mit.
Nach einem Jahrzehnt des programmatisch variablen Umgangs mit den Liederkränzlern weiß Ulrich Walddörfer die Chancen und Gefahren des großen Aufgebots abzuwägen. Eine kompakte, vom Chor dominierte Wiedergabe dürfte seine Zielsetzung für diesen sehr gut besuchten italienischen Abend gewesen sein. Was er erreichte, war wohlbemessene Steigerung der vokalen und instrumentalen Mittel zum Gesamtbild des Requiems. Dafür stürzte er sich weder in unentwegte dirigentische Geschäftigkeit, noch konnte er sich permanent auf spannungsreiche rhetorische Details einlassen. So reihten sich die Szenen der selbstbewusst, zuweilen etwas grobkörnig klingenden, in schöner Nachdenklichkeit mitgehenden Konzertchöre aneinander mit zwingenden Attacken im "Dies Irae", aber auch mit zu viel Eigenton bei der A-cappella-Begleitung des Solo-Soprans im Schlussteil, wo der Aufstieg in Verdis Himmel ein eher mühsames Durchsetzen gegen den chorischen Hintergrund erbrachte. Am besten getroffen wurde Verdis Idiom beim Szenen-wechsel des "Dies Irae", wo Chor und Solisten einander beim Wort nehmen. Man lernte die Sopranistin Julia Sukmanova mit einer russischen timbrierten, in der tiefen Mittellage zu zögerlichen, in lichten Höhen aber makellos aufleuchtenden Stimme kennen. Ideal für das dynamische Format des Abends war die Stuttgarterin Carmen Mammoser, deren Mezzo mit unerbittlicher Glut dem irdischen Ende entgegensang. Levent Gündüz spielte den ganzen Abend über seine tenorale Strahlkraft aus und mochte sie leider auch im Terzett nicht mindern. Vom schreckensbleichen "Mors stupebit" an setzte der Bass Marcel Rosca zu Recht auf noble Sanglichkeit.
Von einigen Ausflügen ins Donnerblech abgesehen, erbrachten die Musiker des Staatsorchester klangstimmige Partnerschaft, und insgesamt wird der Stuttgarter Liederkranz seinen Einsatz für Verdi mit einem Ausrufezeichen in die Annalen der Vereinsgeschichte einreihen können
.

Erwin Schwarz

Stuttgarter Zeitung
Dienstag, den 14.11.2006

Dominanz und Differenz
Der Stuttgarter Liederkranz singt Verdis Requiem

Im Sinne der bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahrhunderts hat es sich der Stuttgarter Liederkranz seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, die oratorische Tradition weiterzuführen. Die großen chorsinfonisch dimensionierten Kompositionen, etwa Giuseppe Verdis Requiem, stellen seit einigen Jahren das Kernrepertoire von Ulrich Walddörfers Chor dar. Dieser Aufgabe stellte sich an diesem Wochenende der Stuttgarter Liederkranz im Beethoven Saal in der Liederhalle.
Doch schon nach wenigen Takten zeigten sich einige offensichtliche und grundsätzliche Schwierigkeiten dieser Aufführung. Die einleitenden Sotto-voce-Passagen drifteten intonatorisch ab, ebenso die unbegleiteten Abschnitte im "Introitus". Zudem war das Klangbild des rund zweihundert Sänger zählenden Laienchors über weite Strecken uneinheitlich. Die auf der Empore plazierten Männerstimmen dominierten deutlich. Und in den rhytmisch strafferen, schneller angelegten Sätzen, etwas dem "Dies irae" oder dem fugierten "Sanctus", drohte der Chor an zahlreichen Stellen auseinander zu laufen. Der Chorleiter Ulrich Walddörfer beschränkte sich hier ebenso wie im weiteren Verlauf des Abends auf organisierendes Taktieren. Gestaltendes Dirigieren, aber auch präzises Abstimmen von Chor, Solisten und Orchester vermisste man weit gehend.
Glücklicherweise stellte das auf Mitgliedern des Stuttgarter Staatsorchesters rekrutierte Orchester eine solide Basis. Die wussten an diesem Abend im Beethovensaal aber die vier Vokalsolisten kaum zu nutzen. Einzig Marcel Rosa (Bass) erfüllte seine Partie solide mit differenzierter Gestaltung. Der junge Tenor Levent Gündüz neigte zu vokaler Kraftmeierei, bei der ihm häufig die Töne in der hohen Lage missrieten. Carmen Mammoser (Mezzosopran) kämpfte mehrheitlich mit der tiefen Lage ihrer Partie, und Julia Sukmanova war an diesem Abend weder in der Durchschlagskraft noch in der technischen Gestaltung der Sopranpartie gewachsen.

Markus Dippold



Orchesterkonzert im Mozartsaal

Liederkranz-Konzertsaison 2006 startet mit Mozart, Bruch und Schumann. Das traditionelle Orchesterkonzert des Stuttgarter Liederkranzes zu Jahresbeginn fand am 26. März 2006 im Mozartsaal der Liederhalle statt. Auf dem Programm standen die Ouvertüre zu Mozarts „La Clemenza di Tito“, das Violinkonzert Nr. 1 g-Moll von Max Bruch und Robert Schumanns „Frühlingssinfonie“ Nr. 1 B-Dur op. 26.

Um den letzten Schliff zu bekommen trafen sich alle Orchestermitglieder am Sonntag vor dem Konzert zu einer ganztägigen Probe. Erfahrungsgemäß sind dies immer die besten Proben, da man ausgeruht und nicht vom Arbeitstag abgespannt mit der Probenarbeit beginnen kann. Mit der Ouvertüre zur Oper „Titus“ von W. A. Mozart eröffneten wir das Konzertprogramm. Nach Aussage unseres Dirigenten Ulrich Walddörfer war die „Titus-Ouvertüre“ das stilistisch anspruchsvollste Stück des Abends, obwohl es manchem von uns nicht so schien. Aber vielleicht liegt darin das Geheimnis von Mozart. Seine Musik erscheint leicht, ist es aber nicht. Die Ouvertüre führt nicht nur in die Stimmung des Bühnengeschehens ein, sondern sie ist gleichzeitig ein geschlossenes, selbständiges Kunstwerk. Der inhaltliche Bezug zur Oper und dem festlichen Anlass der Komposition – nämlich die Krönung von Josef II zum böhmischen König – wird durch die Instrumentierung sowie durch die Tonart C-Dur hergestellt. Auch zur Eröffnung unseres Konzertabends war die „Titus-Ouvertüre“ mit ihrem musikalischen Schwung bestens geeignet.

Es folgte das erste Violinkonzert von Max Bruch. Es entstand 1866 und war dem damals äußerst berühmten Geiger Josef Joachim gewidmet. Seine dauerhafte Beliebtheit verdankt es den effektvollen sehr eingängigen Melodien. Der erste Satz beginnt mit dem von den Holzbläsern eingeführten Hauptthema, aus dem sich die Solovioline mit einer Kadenz erhebt. Im weiteren Verlauf des Satzes kommt es zu starken Gefühlsausbrüchen, die vom Orchester vorgetragen werden. Betont lyrisch ist der zweite Satz mit einem gesanglichen Thema, das von der Solovioline durch mehrere Oktaven vorgeführt wird. Ein sehr eingängiges Thema, das oft wiederholt wird, schließt den zweiten Satz an. Der Erfolg des Konzertes beruht auf dem dritten Satz. Ein virtuoses Hauptthema und dazu ein pompöses Seitenthema ergänzen sich hervorragend und geben dem Virtuosen vielfältige Möglichkeiten, sein Können zu präsentieren.

Begeisterung im Wechsel – zwischen Orchester, Solistin und Publikum

Als Solistin konnte Valeria Nasushkina gewonnen werden. Sicherlich können sich noch einige an das Benefizkonzert in Schwäbisch Gmünd erinnern, dort sprang sie kurzfristig ein für den erkrankten Solisten. Valeria Nasushkina begeisterte durch ihren sicheren und virtuosen Vortrag. Sie entlockte ihrer Geige wunderbare volle Klänge. Schon der allererste Ton ihres Spiels hatte „Gänsehaut-Qualität“ – unglaublich wie sie die leere G-Seite zum Klingen brachte.

Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Beifall für das wunderbare Violinkonzert – und besonders auch bei der Solistin für die hervorragende Leistung. Bereits vor der Pause gab es die erste Zugabe. Der zweite Satz des Violinkonzerts wurde wiederholt.

Valeria Nasushkina stammt aus Moldawien. Sie studierte als Stipendiatin an der „Guildhall School of Music & Drama“ in London und gastierte bei zahlreichen Festivals und trat in renommierten Konzertsälen Europas auf. Wichtige Impulse erhielt sie durch die Zusammenarbeit mit Musikern wie Mark Lubotsky, Yehudi Menuhin, Sir Colin Davis, Jörg-Wolfgang Jahn und Ensembles wie dem Borodin Quartet, Tokio String Quartet  und Alban Berg Quartett.

Eine weitere Herausforderung für das Orchester war im zweiten Teil des Konzertabends die Sinfonie Nr. 1 B-Dur „Frühlingssinfonie“ von Robert Schumann. In nur vier Januartagen des Jahres 1841 entwarf Robert Schumann, kurz nach seiner Heirat mit Clara Wieck, diese Sinfonie. Robert Schumann sagte selbst, dieses Werk sei „in feuriger Stunde geboren und er selbst sei ganz selig gewesen“ über diese Arbeit. „Ich schrieb die Sinfonie, wenn ich sagen darf, in jenem Frühlingsdrang, der den Menschen wohl bis in das höchste Alter hinreißt und in jedem Jahr von neuem überfällt. Schildern, malen wollte ich nicht; dass aber eben die Zeit, in der die Sinfonie entstand, auf ihre Gestaltung, und dass sie gerade so geworden, wie sie ist, eingewirkt hat, glaube ich wohl.“ Kein Geringerer als Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte die „Frühlingssinfonie“, als diese im März 1841 zum ersten Mal im Leipziger Gewandhausorchester erklang. Das komplexe Werk forderte von den Musikern des Sinfonieorchesters Stuttgarter Liederkranz Ausdauer im kraftvollen Spiel und Flexibilität in den ständigen Stimmungswechseln. Unerwartet erschließen sich dem Zuhörer immer wieder neue musikalische Motive. Unter dem präzisen Dirigat von Ulrich Walddörfer wurden die musikalischen Anforderungen bestens gemeistert.

Die Konzertbesucher waren begeistert und bedankten sich mit kräftigem und stürmischem Applaus.

Es folgte die zweite Zugabe des Abends. Ulrich Walddörfer sagte die „Lieblingszugabe“ des Orchesters an: Den Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms. Gelöst, beschwingt und rhythmisch präzise wurde den Zuhörerinnen und Zuhörern zum Abschluss noch dieses musikalische Juwel dargeboten. Nochmals dankbarer Applaus. Im Schubertsaal klang dieser gelungene Konzertabend mit einer langen Nachfeier aus.

Dorothee Linnebach



Von wegen mein lieber Herr Gesangsverein...


Vereinsleben in Stuttgart: Seit 1824 in der Stuttgarter Liederhallte kultureller
Botschafter der Stadt.

Mehr als 6000 Vereine gibt es in Stuttgart - von Pilzsammlern bis zu Hip-Hop-Tänzern ist alles vertreten, was das Leben in einer Stadt bunt macht. Wie bunt Stuttgart ist, wollen wir in diesen Wochen beweisen. Die StZ stellt 36 Vereine vor, heute: der Stuttgarter Liederkranz.

Ein bisschen Geruch kriecht durch die Gänge der Liederhalle. Wie jedes Jahr hat das aus den 50 ern stammende Parkett im Schubertsaal eine neue Schutzschicht bekommen. Der im Vergleich zu Beethoven- oder Mozartsaal recht kleine Veranstaltungsraum hat gerade Sommerpause - wie sein Verein, der hier seit je und noch viel länger sein Domizil hat. Denn was manche nicht wissen: der Stuttgarter Liederkranz ließ 1864 die Liederhalle erbauen, die erste. In der heutigen hat er "nur" noch Nutzungsrecht auf Lebenszeit.
Nach dem Krieg trat der damalige Ehrenvorsitzende Friedrich Häussermann mit der Stadt in zähe Verhandlungen, wie der Tauschvertrag zwischen dem Grundstücksbesitzer Liederkranz und einem künftigen Nutzungsrecht in der neu zu bauenden Liederhalle auszusehen habe. Das gipfelte im so genannten Sängerkrieg, ehe man sich schließlich einig wurde, was auch nicht zum Schaden der Stadt sein sollte. "Es liegt wohl in der Familie, sich für Stuttgart zu engagieren", sagt der Enkel und heutige Präsident Dieter Häusermann im Weißen Rössel am Wolfgangsee; die vierte und fünfte Generation ist übrigens auch im Liederkranz. Die Entscheidung für seinen Urlaubsort hat weniger mit einem Faible für Peter Alexander zu tun, sondern vielmehr mit der Nähe zu den Salzburger Festspielen. Denn Häusermann, seit mehr als 40 Jahren Fördermitglied und seit 1998 Präsident, liebt die klassische Musik, auch wenn er selbst kein aktives Chormitglied ist, weil auch im Unruhestand die Zeit für regelmäßige Proben fehlt. Zur Liederhalle hat er ein besonderes Verhältnis - nicht nur , weil sein Vater und sein Vetter in deren Trümmern des Zweiten Weltkriegs Backsteine klopften, sondern weil er hier auf der Abiturfeier auch seine Frau kennen gelernt hat.
Doch im Moment ist Sommerpause im Konzerthaus, zumindest in den Büro- und Archivräumen, die zusammen mit dem Schubertsaal jene ausgehandelten 320 Quadratmeter Nutungsfläche für den Liederkranz ergeben. Elisabeth Ganzhorn erledigt noch ein paar Dinge - dann fährt auch die Leiterin der Geschäftsstelle in den Urlaub. Aus dem Dirigenten und Chorleiter Ulrich Walddörfer ist sie die einzige Angestellte im Verein, der bestens organisiert ist: mit verschiedenen Vorständen und Ausschüssen, mit Pressereferentinnen und Vereinsnachrichten.
Schließlich ist der Liederkranz nicht irgendein Gesangsverein, sondern ein kultureller Botschafter der Stadt Stuttgart und in Sachen Chorgesang durchaus Maßstab.
"Wenngleich wir uns nicht mit Herrn Rilling messen wollen", klingt es fast unisono von Häusermann und Ganzhorn, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt 500 Kilometer voneinander entfernt sind. Andererseits wehren sich beide auch der Dirigent gegen den Begriff "Laienchor", sind doch viele Mitglieder stimmlich ausgebildet, nur dass sie eben nicht vom, eher für den Gesang leben.
Elisabeth Ganzhorn singt auch - wenn auch nicht im Liederkranz, so doch im jungen Kammerchor Baden-Württemberg. Und das ist gut so. "Schließlich muss es ja einen geben, der hinter der Bühne rennen kann, wenn irgendetwas fehlt", sagt sie; und erinnert sich mit Schrecken an eine Aufführung von "Odysseus" im Jahr 2002, als am Vorabend der Premiere auch was fehlte: nämlich Odysseues.
Wegen Krankheit war die Hauptpartie weggebrochen, "also musste ich mal wieder anrufen, was nicht bei drei auf den Bäume war". Fündig geworden ist die Geschäftsstellenleiterin schließlich in Potsdam. Der Bariton Thomas Wittig kannte die seltene Partitur von Max Bruch und reiste am nächsten Tag zur Generalprobe an. Seitdem ist er gern gesehener und gehörter Gast im Liederkranz, der sich für seine großen Konzerte auch einige "Professionelle" leistet.
Neben den fünf bis acht Aufführungen im Jahr sind für die Mitglieder die Konzertreisen ein Highlight. Die letzte führte nach Krakau, wo der Liederkranz eine Woche vor Polens EU-Beitritt Beethovens, also Schillers, Ode "An die Freude" schmetterte. Solche Reisen und Konzerte sind immer eine logistische Herausforderung für den Verein, schließlich kommen, wenn wirklich alle Aktiven unterwegs sind, 332 Personen zusammen. Klar, dass für diese Zahl auch viele Veranstaltungsorte zu klein sind. Selbst die große Bühne im Beethovensaal muss angebaut werden, der Schubertsaal kommt für Tuttiproben erst gar nicht in Frage, weswegen auf andere Orte ausgewichen werden muss - zum Beispiel auf den Saal der Botnanger Namensvetter.
Wenn jetzt der Liederkranz so langsam aus der Sommerpause erwacht, dann gibt es wieder all das, was auch einen guten Teil des Vereinslebens ausmacht: neben den regelmäßigen Chorproben sind das Ausflüge, Stammtische und Hocketsen. Die Weihnachtsfeier steht auch schon fest. Dieses Jahr findet sie im Kursaal Bad Cannstatt statt. Dann können einzelne Mitglieder aus der Masse heraustreten und solistisch glänzen - wie Anna Maria Castiello mit ihren neapolitanischen Liedern. Für mich war der Liederkranz eine großartige Chance, mich in Stuttgart zu integrieren. Ich stamme aus Neapel, wo ja alle singen, und bin seit sechs Jahren hier in Deutschland. Da stellte sich mir die Frage: Was mache ich? Bei einem Besuch der Liederhalle bin ich auf den Liederkranz gestoßen. "Schauen Sie doch einfach mal vorbei", wurde mir gesagt, und mir war sofort klar: Dieser große Verein wird meine große Familie! Seit drei Jahren bin ich jetzt mit aller Leidenschaft dabei und kann Ihnen sagen: Ich lieben diesen Chor! Was für ein sympathischer Dirigent und was für eine tolle Möglichkeit gerade für mich, auch in Italienisch zu singen - ich sage nur Rossini - und so nebenbei den anderen noch Nachhilfe in der Aussprache zu geben. Umgekehrt ist mir der Zugang zur deutschen Sprache durch das Singen viel leichter gefallen. Ich bin glücklich in Stuttgart, gerade auch durch die schöne Atmosphäre im Chor.


Matthias Ring