Romantik
in den allerhöchsten Tönen
Der
Stuttgarter Liederkranz probt für seine Elias-Aufführung in der
Liederhalle-Die Vorstellung wird nicht wiederholt
"Es
heißt Herr und nicht Hörr": Ulrich Walddörfer, der Dirigent
des Stuttgarter Liederkranzes, kann in den Chorproben schon mal ziemlich laut
werden.
Bis
zu dreimal wöchtentlich kommen die knapp 200 Sängerinnen und Sänger
des Stuttgarter Liederkranzes derzeit zusammen, um für ihren großen
Auftritt am 09. November zu üben. Auf dem Programm steht Elias von Felix
Mendelssohn Bartholdy.
Seit
nunmehr 20 Jahren plant der Liederkranz, eines Tages das Oratorium "Elias"
von Mendelssohn-Bartholdy aufzuführen. Doch erst jetzt wird aus diesem Traum
Wirklichkeit: Am 9. November um 19 Uhr ist der Liederkranz gemeinsam mit Mitgliedern
des Stuttgarter Staatsorchesters im Beethovensaal der Liederhalle zu sehen. Bisher
wurden im Liederkranz meist italienische Stücke gesungen, nun sollte es endlich
ein deutschsprachiges Oratorium sien. "Elias" ist neben dem "Paulus"
eines der wenigen romantischen Oratorien, das auch heute noch aufgeführt
wird und sich seit den 1970er Jahren steigender Aufführungszahlen erfreut.
Das Stück handelt von einem starken, kämpferischen Propheten, der sich
gegen die Vielgötterei der Königin im Nordreich Israels auflehnt. Sein
Ziel ist es, alle Juden zu dem Gott Jahwe zu bekehren. Im Zentrum steht also die
Auseinandersetztung zwischen Polythismus und Monotheismus. "Elias
eignet sich sehr gut für einen so großen Chor wie diesen", erklärt
Ulrich Walddörfer, Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes. "Außerdem
sind romantische Stücke der Traum eines jeden Dirigenten. Diese Stücke
haben eine ungeheure Klangfülle und sind zugleich auch voller Emotionen.
Da macht das Dirigieren einfach Spaß." Auch
die Sängerinnen und Sänger des Chors haben viel Freude am Einstudieren
schwieriger Stücke. Die meisten können auf eine jahrelange Gesangserfahrung
zurückblicken. Christa Baumgärtner aus Marbach am Neckar ist seit 25
Jahren Mitglied des Liederkranzes - und anch wie vor begeistert. "Am meisten
gefällt mir, dass man hier mit einem großen Chor große Werke
singen kann", schwärmt sie. "Gemeinsam mit unserem Dirigenten studieren
wir die Stücke akribisch ein, um sie später mit dem Orchester erfolgreich
dem Publikum zu präsentieren".
Elias eignet sich sehr
gut für einen so großen Chor wie diesen. Ulrich Walddörfer,
Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes, über die Aufführung
Kurz
vor einem Konzert trifft sich der Chor bis zu dreimal pro Woche, um dem Werk den
musikalischen Feinschliff zu verleihen. "Die größte Herausforderung
ist es, den Leuten klarzumachen, welch große Werke sie hier singen und spielen
dürfen", sagt Ulrich Walddörfer. "Bei Stücken wie diesem
kann man nicht einfach die Proben schwänzen, da müssen alle an einem
Strang ziehen." Um seinen knapp 200 Chormitgliedern die richtigen Töne
zu entlocken, ist manchmal ein lauteres Wort nötig. Kleinere Fehler trägt
Walddörfer mit Fassung: "Ich habe ja nichts gegen Schwäbisch, aber
wenn es um den Herrn geht, müsst Ihr auch ,Herr' singen und nicht ,Hörr'",
witzelt er. Schwierige Passagen übt er besonders intensiv. Wenn er mehr von
der Klavierbegleitung hört als vom Gesang, wird auch mal der Flügel
samt Pianist beiseitegeschoben. "Die Gesangsproben sind besonders wichtig,
weil der Chor und Orchester nur einmal gemeinsam üben", erklärt
der Dirigent. "Deshalb muss bis zur Generalprobe eigentlich alles sitzen.
Den ,Elias' führt der Liederkranz nur ein einziges Mal auf, einen zweiten
Versuch gibt es also nicht.
Alttestamentarisches
Grauen Stuttgarter
Nachrichten vom 11. November 2008
Mendelssohn
Bartholdys Oratorium "Elias" ist gespickt mit alttestamentrarischen
Grausamkeiten wie Mord, Feuer, Erdbeben und Dürre. Er wollte die quasi philosophisch-humanistischen
Aspekte der Geschehnisse im Formenkanon von Barock und Wiener Klassik spiegeln.
Der Interpretationsansatz des Liederkranzes Stuttgart und Mitgliedern des
Staatsorchesters trug unter der Leitung von Ulrich Walddörfer genau dieser
kompositorischen Konzeption Rechnung. Am Sonntag ließen sich die rund 2400
Zuhörer im Beethovensaal der Liederhalle von der musikalischen Monumentalität
begeistern. Mit pastosem Strich formten die rund 250 Musiker eine Musikarchitektur,
in der der Nachvollzug der oratorischen Großanlage Vorrang hatte. Die Hauptverantwortung
lag beim Chor, der mit guter Textartikulation, homogenem Gesamtbild und nicht
nachlassender Konzentration erstaunliche Spannungsreserven mobilisierte. Ulf Bästlein,
kurzfristig für Peter Lika eingesprungen, gelang eine überlegene Gestaltung
des Elias, in der Innerlichkeit und dramatische Furioso-Ausbrüche die Balance
bewahrten. Die Sopranistin Barbara Dobrzanska, die Altistin Carmen Mammoser und
der Tenor Andreas Karasiak ergänzten die stimmige Interpretation.
Oistrachs
Enkel Stuttgarter
Nachrichten vom 22. April 2008
Stuttgarts
wohl ältestes Orchester im Laien bereich ist das Orchester des Liederkranzes,
das 1874 gegründet wurde, um die Liederkranz-Chöre.bei ihren Konzerten
zu begleiten. Unter der Leitung von Ulrich Walddörfer (seit 1995) geht dieses
Orchester erfolgreich auch eigene sinfonische Wege. Das Begleiten ist dabei aber
offensichtlich seine Domäne geblieben. Am Sonntag spielte man im bestens
besetzten. Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle Tschaikowskys Violinkonzert
- der Orchesterpart hatte Glanz, gab sich faszinierend und konsequent.
Solist war Valery
Oistrach, der damit an den einhundertsten Geburtstag seines Großvaters David
Oistrach in diesem Jahr erinnern wollte. Sein Spiel war eine profilierte
Auslegung von eigenem Stellenwert, er gab dem lyrischen Zauber genügend
Raum und erfüllte den virtuosen Anspruch mit Spannung und Überzeugung. Zu
Beginn des Abend hörte man Dvoráks sechste Sinfonie - ebenfalls in
D-Dur - mit der notwendigen volkstümlichen Natürlichkeit und Kraft.
Die Liederkranz-Sinfoniker verband eine spielfreudige Geschlossenheit
bei der Realisierung, der Schlag Ulrich Walddörfers forderte zudem eine musikantische
und energisch zupackende Wiedergabe. Doch intonatorische Gefahrenquellen
lauerten überall, und so wurden Grenzen deutlich. |