Pressestimmen 2008


Romantik in den allerhöchsten Tönen

Der Stuttgarter Liederkranz probt für seine Elias-Aufführung
in der Liederhalle-Die Vorstellung wird nicht wiederholt



 
Foto:factum/Granville
 

"Es heißt Herr und nicht Hörr": Ulrich Walddörfer, der Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes, kann in den Chorproben schon mal ziemlich laut werden.

Bis zu dreimal wöchtentlich kommen die knapp 200 Sängerinnen und Sänger des Stuttgarter Liederkranzes derzeit zusammen, um für ihren großen Auftritt am 09. November zu üben. Auf dem Programm steht Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Seit nunmehr 20 Jahren plant der Liederkranz, eines Tages das Oratorium "Elias" von Mendelssohn-Bartholdy aufzuführen. Doch erst jetzt wird aus diesem Traum Wirklichkeit: Am 9. November um 19 Uhr ist der Liederkranz gemeinsam mit Mitgliedern des Stuttgarter Staatsorchesters im Beethovensaal der Liederhalle zu sehen.
Bisher wurden im Liederkranz meist italienische Stücke gesungen, nun sollte es endlich ein deutschsprachiges Oratorium sien. "Elias" ist neben dem "Paulus" eines der wenigen romantischen Oratorien, das auch heute noch aufgeführt wird und sich seit den 1970er Jahren steigender Aufführungszahlen erfreut. Das Stück handelt von einem starken, kämpferischen Propheten, der sich gegen die Vielgötterei der Königin im Nordreich Israels auflehnt. Sein Ziel ist es, alle Juden zu dem Gott Jahwe zu bekehren. Im Zentrum steht also die Auseinandersetztung zwischen Polythismus und Monotheismus.

"Elias eignet sich sehr gut für einen so großen Chor wie diesen", erklärt Ulrich Walddörfer, Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes. "Außerdem sind romantische Stücke der Traum eines jeden Dirigenten. Diese Stücke haben eine ungeheure Klangfülle und sind zugleich auch voller Emotionen. Da macht das Dirigieren einfach Spaß."

Auch die Sängerinnen und Sänger des Chors haben viel Freude am Einstudieren schwieriger Stücke. Die meisten können auf eine jahrelange Gesangserfahrung zurückblicken. Christa Baumgärtner aus Marbach am Neckar ist seit 25 Jahren Mitglied des Liederkranzes - und anch wie vor begeistert. "Am meisten gefällt mir, dass man hier mit einem großen Chor große Werke singen kann", schwärmt sie. "Gemeinsam mit unserem Dirigenten studieren wir die Stücke akribisch ein, um sie später mit dem Orchester erfolgreich dem Publikum zu präsentieren".

Elias eignet sich sehr gut für einen so großen Chor wie diesen.
Ulrich Walddörfer, Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes,
über die Aufführung


Kurz vor einem Konzert trifft sich der Chor bis zu dreimal pro Woche, um dem Werk den musikalischen Feinschliff zu verleihen. "Die größte Herausforderung ist es, den Leuten klarzumachen, welch große Werke sie hier singen und spielen dürfen", sagt Ulrich Walddörfer. "Bei Stücken wie diesem kann man nicht einfach die Proben schwänzen, da müssen alle an einem Strang ziehen."
Um seinen knapp 200 Chormitgliedern die richtigen Töne zu entlocken,
ist manchmal ein lauteres Wort nötig. Kleinere Fehler trägt Walddörfer mit Fassung: "Ich habe ja nichts gegen Schwäbisch, aber wenn es um den Herrn geht, müsst Ihr auch ,Herr' singen und nicht ,Hörr'
", witzelt er. Schwierige Passagen übt er besonders intensiv. Wenn er mehr von der Klavierbegleitung hört als vom Gesang, wird auch mal der Flügel samt Pianist beiseitegeschoben. "Die Gesangsproben sind besonders wichtig, weil der Chor und Orchester nur einmal gemeinsam üben", erklärt der Dirigent. "Deshalb muss bis zur Generalprobe eigentlich alles sitzen.
Den ,Elias' führt der Liederkranz nur ein einziges Mal auf, einen zweiten Versuch gibt es also nicht.


Carloine Leibfritz



Alttestamentarisches Grauen

Stuttgarter Nachrichten vom 11. November 2008


Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" ist gespickt mit alttestamentrarischen Grausamkeiten wie Mord, Feuer, Erdbeben und Dürre. Er wollte die quasi philosophisch-humanistischen Aspekte der Geschehnisse im Formenkanon von Barock und Wiener Klassik spiegeln. Der Interpretationsansatz des Liederkranzes Stuttgart und Mitgliedern des Staatsorchesters trug unter der Leitung von Ulrich Walddörfer genau dieser kompositorischen Konzeption Rechnung. Am Sonntag ließen sich die rund 2400 Zuhörer im Beethovensaal der Liederhalle von der musikalischen Monumentalität begeistern. Mit pastosem Strich formten die rund 250 Musiker eine Musikarchitektur, in der der Nachvollzug der oratorischen Großanlage Vorrang hatte. Die Hauptverantwortung lag beim Chor, der mit guter Textartikulation, homogenem Gesamtbild und nicht nachlassender Konzentration erstaunliche Spannungsreserven mobilisierte. Ulf Bästlein, kurzfristig für Peter Lika eingesprungen, gelang eine überlegene Gestaltung des Elias, in der Innerlichkeit und dramatische Furioso-Ausbrüche die Balance bewahrten. Die Sopranistin Barbara Dobrzanska, die Altistin Carmen Mammoser und der Tenor Andreas Karasiak ergänzten die stimmige Interpretation.

Ulrich Köppen



Oistrachs Enkel


Stuttgarter Nachrichten vom 22. April 2008


Stuttgarts wohl ältestes Orchester im Laien bereich ist das Orchester des Liederkranzes, das 1874 gegründet wurde, um die Liederkranz-Chöre.bei ihren Konzerten zu begleiten. Unter der Leitung von Ulrich Walddörfer (seit 1995) geht dieses Orchester erfolgreich auch eigene sinfonische Wege. Das Begleiten ist dabei aber offensichtlich seine
Domäne geblieben. Am Sonntag spielte man im bestens besetzten. Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle Tschaikowskys Violinkonzert -
der Orchesterpart hatte Glanz, gab sich faszinierend und konsequent.

Solist war Valery Oistrach, der damit an den einhundertsten Geburtstag seines Großvaters David Oistrach in diesem Jahr erinnern wollte.
Sein Spiel war eine profilierte Auslegung von eigenem Stellenwert,
er gab dem lyrischen Zauber genügend Raum und erfüllte den virtuosen Anspruch mit Spannung und Überzeugung.

Zu Beginn des Abend hörte man Dvoráks sechste Sinfonie - ebenfalls in D-Dur - mit der notwendigen volkstümlichen Natürlichkeit und Kraft.
Die Liederkranz-Sinfoniker verband eine spielfreudige Geschlossenheit
bei der Realisierung, der Schlag Ulrich Walddörfers forderte zudem eine musikantische und energisch zupackende Wiedergabe.
Doch intonatorische Gefahrenquellen lauerten überall, und so wurden Grenzen deutlich.

Wolfgang Teubner