Pressestimmen 2009



 Der Stuttgarter Liederkranz bei Proben in der Liederhalle. Foto: Tollnek

Artikel aus CITY EXTRA, Ausgabe Mittwoch, 4. Februar 2009

Mit Bier, Wein und
mehrstimmigem Gesang fing alles an


Die Wurzeln des Stuttgarter Liederkranzes von 1824 reichen zurück
ins Jahr 1780 – Friedrich Schiller als Ahnherr


Bis auf den heutigen Tag darf sich Stuttgart nach Zahl und Vielfalt seiner Chöre
als heimliche Hauptstadt des Chorgesanges in Deutschland fühlen. Ältester und größter Konzertchor der Landeshauptstadt mit mehr als 200 aktiven Sängerinnen und Sängern ist der Stuttgarter Liederkranz von 1824. Tatsächlich reichen dessen Wurzeln, wie sich anhand verlässlicher Quellen belegen lässt, sogar zurück bis ins Jahr 1780 und zum späteren Dichterfürsten Friedrich Schiller.

Von Frieder Briesle

Vieles spricht dafür, dass bei der „Freyheytsfeier“, die Schiller zusammen mit seinem Freund Johann Rudolf Zumsteeg und anderen Eleven der Hohen Karlsschule am Tag ihrer Entlassung aus dem Drill der herzoglichen Pflanzstätte abhielt, erstmals außerhalb höfischen Zeremoniells mehrstimmiger Männer-
gesang erklungen ist. Der junge Medicus, der während seiner Schulzeit heimlich an seinem Freiheitsdrama „Die Räuber“ geschrieben hatte, und seine Sangesfreunde riskierten damit den Zorn des Landesherrn. Dem war an Offiziersnachwuchs gelegen und nicht an freiheitlichen Regungen.
Die Vereinigung der ehemaligen Karlsschüler versammelte sich zu Bier, Wein,
Kartenspiel und mehrstimmigem Gesang in der Fuhrmannskneipe „Goldener Ochsen“ an der Hauptstätter Straße. Mit ihren Liedvorträgen huldigte die zech-freudige Runde nicht nur der Kunst, sondern finanzierte damit ihren beträcht-lichen Durst. Bald schon gabdie namenlose Vereinigung, die schnell über
Männerchor, Orchester und „Frauenzimmerstimmen“ verfügte, größere Konzerte.
Als daraus 1785 die „Sonntags-Abend-Gesellschaft“ entstand, hatte Friedrich Schiller allerdings längst die Flucht ergriffen (1782). Der Kontakt aber riss dank Zumsteeg, der unter anderem Schillers Ode „An die Freude“ vertont hatte, nie ab. In der Folge blühte das Musikleben in Stuttgart auf. Den letzten Anstoß zur Gründung des Liederkranzes gaben im April 1824 die musikalischen Vorle-
sungen des kunstsinnigen Zürcher Pfarrers Hans Georg Nägeli sowie ein Benefizkonzert zugunsten des freiheitlich gesinnten späteren Turnvaters Jahn,
der in Berlin inhaftiert war, am 1. Mai, dem heimlichen Feiertag der Freimaurer. Am 9. Mai folgte an symbolträchtigem Ort auf dem Hohen Bopser (wo Fried-
rich Schiller einst heimlich aus den „Räubern“ vorgelesen hatte) die alljährliche Feier für den bereits im Jahr 1805 verstorbenen Dichter.
Die zunächst formlos abgehaltenen Schiller-Feiern wurden sogleich in der Satzung des neuen Liederkranzes festgeschrieben, der sich 1827 zur Unterscheidung von den rasch entstehenden gleichnamigen Chören in Stuttgarter Liederkranz umbenannte. Die persönlichen und freundschaftlichen Beziehungen von 26 Gründungsmitgliedern unter den zunächst 80 „Gesellschaftern“ des Vereins zu
Friedrich Schiller waren wohl das Motiv dafür, dass sich der Stuttgarter Liederkranz zugleich verpflichtete, „die Erinnerung an große Deutsche wachzu-halten“. Haben schon bei der „Sonntags-Abends-Gesellschaft“ Kulturschaffende wie Carl Maria von Weber, Konradin Kreutzer, Johann Heinrich Dannecker, Nicolaus Thouret, Gottlob Heinrich Rapp, Johann Friedrich Cotta oder Johann
Gottfried von Herder verkehrt, so finden sich unter den prägenden Persönlich-keiten des späteren Liederkranzes die Namen von Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Wilhelm Hauff, Eduard Mörike, Justinus Kerner, Gustav Adolph Zumsteeg oder Friedrich Silcher, der

Auch ein Tradtionsverein wie der
Stuttgarter Liederkranz
muss sich heutzutage
nach der Decke strecken“

Dr. Dieter Häussermann,
Präsident des Stuttgarter Liederkranzes

das Stiftungslied schrieb.
Anspruch und Reputation des Liederkranzes drückten sich im 1839 von Schillers
Enkel enthüllten Denkmal von Thorvaldsen auf dem Schillerplatz und vollends in der 1864 eingeweihten prachtvollen Liederhalle aus. Eine Schubert-Büste und ein Mörike-Denkmal wurden gestiftet, Komponisten wie Brahms, Bruch, Grieg, Meyerbeer, Wolf oder Abert für Auftragsarbeiten mit einem Ehrensold bedacht.

Bald übersprang die Zahl der Mitglieder die Tausendergrenze. Davon kann der Liederkranz im 185. Jahr seines Bestehens nur noch träumen. Knapp 600 Mit-glieder zählt der Verein heute – Tendenz fallend. Mit umso mehr Stolz erfüllt den seit 1998 amtierenden Präsidenten Dr. Dieter Häussermann, dass ein Drittel von ihnen als Sängerinnen und Sänger aktiv sind und das Liederkranzorchester 50 Instrumentalisten zählt. „Wir haben uns geöffnet, und wir setzen auf Qualität“,
nimmt er für sich, seine Mitstreiter im Vorstand und den künstlerischen Leiter Professor Ulrich Walddörfer in Anspruch. Zusätzlich zu den wöchentlichen Chor- und Orchesterproben bietet der Verein, bei dem neue Mitglieder einst drei Bürgen benötigten, regelmäßige professionelle Stimmbildung sowie Projektarbeit an,
die auch Nichtmitgliedern offensteht. Dies anstelle der Chorschule, die einst der Rekrutierung neuer Mitglieder diente, diese Funktion aber immer weniger
erfüllte.
Höhepunkt im Vereinsleben ist seit jeher das Jahreskonzert im Beethovensaal
der Liederhalle. Das Hausrecht wurde beim Verkauf des Areals, auf dem die im Zweiten Weltkrieg zerstörte alte Liederhalle stand, an die Stadt zwar festge
schrieben, dennoch stellen solche Aufführungen auch für den größten Konzertchor der Stadt einen Kraftakt dar. Da sich in diesem Jahr der 250. Geburtstag von Ahnherr Friedrich Schiller jährt, wird am 15. November sein
„Lied von der Glocke“ in der Vertonung von Max Bruch aufgeführt. Unter der Leitung von Chordirektor und Dirigent Ulrich Walddörfer sind neben namhaften Solisten wie dem Bariton Ulf Bästlein und der Mezzosopranistin Carmen Mammoser Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart und natürlich die eigenen Konzertchöre in voller Besetzung im Einsatz. Doch können sich für diese Aufführung auch ver
sierte Sängerinnen und Sänger von außerhalb des Vereins bewerben.
Wer Interesse hat, kann sich unter der Telefonnummer 29 91 786 melden.

Kamen in früheren Zeiten die Mitglieder des Liederkranzes vorwiegend aus Stuttgart, so reicht das Einzugsgebiet längst bis Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd oder in den Raum Reutlingen-Tübingen. Vorbei auch die Zeiten, da es für die Stuttgarter Geschäftswelt zum guten Ton gehörte, förderndes Mitglied im ersten Kulturverein der Stadt zu
sein. „Von einer Spende über 100 000 Gold-
mark, wie sie der Hotelier Marquardt zum Bau der Liederhalle beigesteuert hat, können wir heute nur träumen“, sagt der Präsident mit leisem Bedauern.
Umso dankbarer registriert Häussermann, dessen Großvater Friedrich bereits
dem Liederkranz vorstand, das Engagement der Berthold-Leibinger-Stiftung und der LG-Stiftung. Festliche Aufführungen großer konzertanter Werke und Opern im Beethovensaal mit Kosten von mehr als 40 000 Euro oder die großen Gastspiele wie 2008 im Vatikan und in Rom oder 2010 in Wien mit dem Wiener Männer
gesangverein ließen sich aus einem Jahresetat von 200 000 Euro in
dieser Qualität ohne Sponsoren nicht bestreiten. „Auch ein Traditionsverein wie der Stuttgarter Liederkranz muss sich heutzutage nach der Decke strecken“,
sagt Häussermann. Nur zu gern würde er erleben, dass sich die Hoffnung seines künstlerischen Leiters erfüllt, die da lautet: „Die Zeit ist reif – weg von der Spaßgesellschaft, hin zur Sinngesellschaft.“
INFO: Weitere Informationen:
www.stuttgarter-liederkranz.de







Schillers neue Kleider lassen auf sich warten
Stadt braucht Jahre für Denkmal-Restaurierung


Der bronzene Friedrich auf dem Schillerplatz soll wieder mal restauriert werden. Vor dem Beginn der Schiller-Jahre 2005 und 2009 konnte die Stadt das nicht ermöglichen. Nun erst hat OB Wolfgang Schuster es zur Chefsache gemacht - ein weiteres Lehrstück über Schiller und Stuttgart.

VON JOSEF SCHUNDER



Schillerdenkmal; Großansicht

Schon zu Lebzeiten musste Schiller aus Stuttgart fliehen, um herzoglicher Strenge und einem Berufsverbot zu entkommen. Später kam er zwar auch in Stuttgart zu Ehren und machte so eine Art Frieden mit der Stadt. Aber Segen ist nicht drauf, auf diesem Verhältnis. Seine Bronzestatue, die seit 1839 in Stuttgart steht, sieht immer ein bisschen alt aus, und um die Restaurierung wird immer gerungen. Auch jetzt wieder.

Vernünftigerweise hätte Schillers stellenweise dünn gewordene Bronze-Kleidung bereits 2005 aufgearbeitet, der bröckelnde Sandsteinsockel ausgebessert sein müssen. Denn 2005 jährte sich Schillers Todestag zum 200. Mal. Diese Chance

verpassten die Verantwortlichen. Nun kommt eine neue Bewährungsprobe. Am 10. November 2009 würde Schiller 250 Jahre alt werden. Am 8. Mai wird es 170 Jahre her sein, dass der Stuttgarter Liederkranz die Stadt mit dem Denkmal beschenkte.

Bei so einem Datum nimmt es nicht Wunder, dass sich beim Liederkranz-Präsidenten Dieter Häussermann Schiller-Verehrer melden und das traurige Schicksal des Denkmals beklagen. Viele wissen nicht, dass der aus Schillers Freundeskreis hervorgegangene Liederkranz das Denkmal der Stadt regelrecht übereignete.

170 Jahre später scheint sich dieses Wissen auch im Rathaus noch nicht recht durchgesetzt zu haben. Oder wird das Denkmal heute gar nicht mehr als Geschenk empfunden? Die Bemühungen um die Restaurierung schleppen sich jedenfalls dahin.

Im Regierungspräsidium (RP) Stuttgart, wo die denkmalschützerische Verantwortung angesiedelt ist, fühlt man sich frei von Schuld. Die Behörde ließ das Denkmal von einem Studenten kartieren. Das Gerüst, das zu diesem Zweck im Frühjahr 2006 errichtet wurde, erweckte den Eindruck, das Denkmal werde restauriert. In Wirklichkeit musste das RP im Lauf des Jahres erkennen, dass aus der Restaurierung vor dem Frühjahr 2007 nichts mehr wird. 2007 wurde in der Akte dann vermerkt, es gebe noch keinen Termin. Man wolle die Sache aber vor dem neuen Schiller-Jahr 2009 erledigen. Im Sommer 2008 arbeiteten die Denkmalschützer der Stadt erneut zu. "Wir machten die Pläne ausschreibungsreif und waren zuletzt im November damit befasst. Von unserer Seite wurde eher mehr getan, als unsere Aufgabe war", sagt RP-Sprecher Clemens Homoth-Kuhs. Doch zur Umsetzung kam es wieder nicht vor Beginn des Schiller-Jahrs.

"Normalerweise sind die Zuständigkeiten bei der Stadtverwaltung für alles genau geregelt, aber da gab es eine Lücke, wenngleich sich das Hochbauamt um die Statue kümmerte", gesteht Michael Ilk vom Tiefbauamt. Anfang Januar hat das Tiefbauamt das Findelkind adopiert und unter die Brunnen in seiner Zuständigkeit eingereiht.

Ulrich Klenk, Chef des Hochbauamts, will von einer Lücke nichts wissen: "Wir waren und sind für das komplette Denkmal zuständig." Nach der Kartierung sei aber noch nicht das Gutachten der Denkmalschützer vorgelegen, auch nicht das Leistungsverzeichnis und die Kostenermittlung. Klenk: "Das hat gedauert." Zu guter Letzt habe man das Geld auftreiben müssen: immerhin 30 000 bis 40 000 Euro, die nicht im Haushalt vorgesehen seien. Jetzt komme das Geld vom Tiefbauamt, das auch die Bauleitung übernehme. Die Ausschreibung stehe bevor.

Vielleicht hat ja Karl Magnus Graf Leutrum von Ertingen aus Schwieberdingen der Stadtverwaltung zu höherer Einsicht verholfen. Das Mitglied des Denkmalrats beim RP schrieb im Dezember OB Schuster - und deutete auch die Möglichkeit einer Spendenaktion an, falls es die Stadt nicht schaffe. Angesichts der Kosten, um die es geht, kommt so ein Angebot einer Drohung gleich, das reiche Stuttgart zu beschämen. Schuster bedankte sich für den Hinweis und machte Schiller zur Chefsache.

Die Arbeiten, sagt Ilk jetzt, würden hoffentlich zügig über die Bühne gehen. Im Moment stünden noch die denkmalschutzrechtliche Genehmigung vom RP und die Ausschreibung aus. Ende März möchte Klenk das Projekt zu Ende bringen, damit noch ein zeitlicher Puffer bis zu den Gedenkterminen da ist. Vier Wochen Bauzeit reichen, sagt Ilk.

Sollte der 8. Mai doch verpasst werden, gäbe es einen kleinen Trost: Das nächste Schiller-Jahr kommt bestimmt. Und außerdem wäre mehr Glück mit Stuttgart dem Dichter vermutlich selbst nicht geheuer.