Bis
auf den heutigen Tag darf sich Stuttgart nach Zahl und Vielfalt seiner Chöre
als heimliche Hauptstadt des Chorgesanges in Deutschland fühlen. Ältester
und größter Konzertchor der Landeshauptstadt mit mehr als 200 aktiven
Sängerinnen und Sängern ist der Stuttgarter Liederkranz von 1824. Tatsächlich
reichen dessen Wurzeln, wie sich anhand verlässlicher Quellen belegen lässt,
sogar zurück bis ins Jahr 1780 und zum späteren Dichterfürsten
Friedrich Schiller. Vieles
spricht dafür, dass bei der Freyheytsfeier, die Schiller zusammen
mit seinem Freund Johann Rudolf Zumsteeg und anderen Eleven der Hohen Karlsschule
am Tag ihrer Entlassung aus dem Drill der herzoglichen Pflanzstätte abhielt,
erstmals außerhalb höfischen Zeremoniells mehrstimmiger Männer- gesang
erklungen ist. Der junge Medicus, der während seiner Schulzeit heimlich an
seinem Freiheitsdrama Die Räuber geschrieben hatte, und seine
Sangesfreunde riskierten damit den Zorn des Landesherrn. Dem war an Offiziersnachwuchs
gelegen und nicht an freiheitlichen Regungen. Die Vereinigung der ehemaligen
Karlsschüler versammelte sich zu Bier, Wein, Kartenspiel und mehrstimmigem
Gesang in der Fuhrmannskneipe Goldener Ochsen an der Hauptstätter
Straße. Mit ihren Liedvorträgen huldigte die zech-freudige Runde nicht
nur der Kunst, sondern finanzierte damit ihren beträcht-lichen Durst. Bald
schon gabdie namenlose Vereinigung, die schnell über Männerchor,
Orchester und Frauenzimmerstimmen verfügte, größere
Konzerte. Als daraus 1785 die Sonntags-Abend-Gesellschaft entstand,
hatte Friedrich Schiller allerdings längst die Flucht ergriffen (1782). Der
Kontakt aber riss dank Zumsteeg, der unter anderem Schillers Ode An die
Freude vertont hatte, nie ab. In der Folge blühte das Musikleben in
Stuttgart auf. Den letzten Anstoß zur Gründung des Liederkranzes gaben
im April 1824 die musikalischen Vorle- sungen des kunstsinnigen Zürcher
Pfarrers Hans Georg Nägeli sowie ein Benefizkonzert zugunsten des freiheitlich
gesinnten späteren Turnvaters Jahn, der in Berlin inhaftiert war, am
1. Mai, dem heimlichen Feiertag der Freimaurer. Am 9. Mai folgte an symbolträchtigem
Ort auf dem Hohen Bopser (wo Fried- rich Schiller einst heimlich aus den Räubern
vorgelesen hatte) die alljährliche Feier für den bereits im Jahr 1805
verstorbenen Dichter. Die zunächst formlos abgehaltenen Schiller-Feiern
wurden sogleich in der Satzung des neuen Liederkranzes festgeschrieben, der sich
1827 zur Unterscheidung von den rasch entstehenden gleichnamigen Chören in
Stuttgarter Liederkranz umbenannte. Die persönlichen und freundschaftlichen
Beziehungen von 26 Gründungsmitgliedern unter den zunächst 80 Gesellschaftern
des Vereins zu Friedrich Schiller waren wohl das Motiv dafür, dass sich
der Stuttgarter Liederkranz zugleich verpflichtete, die Erinnerung an große
Deutsche wachzu-halten. Haben schon bei der Sonntags-Abends-Gesellschaft
Kulturschaffende wie Carl Maria von Weber, Konradin Kreutzer, Johann Heinrich
Dannecker, Nicolaus Thouret, Gottlob Heinrich Rapp, Johann Friedrich Cotta oder
Johann Gottfried von Herder verkehrt, so finden sich unter den prägenden
Persönlich-keiten des späteren Liederkranzes die Namen von Ludwig Uhland,
Gustav Schwab, Wilhelm Hauff, Eduard Mörike, Justinus Kerner, Gustav Adolph
Zumsteeg oder Friedrich Silcher, der
Auch
ein Tradtionsverein wie der Stuttgarter Liederkranz muss sich heutzutage nach
der Decke strecken Dr. Dieter
Häussermann, Präsident des Stuttgarter Liederkranzes |
das
Stiftungslied schrieb. Anspruch und Reputation des Liederkranzes drückten
sich im 1839 von Schillers Enkel enthüllten Denkmal von Thorvaldsen auf
dem Schillerplatz und vollends in der 1864 eingeweihten prachtvollen Liederhalle
aus. Eine Schubert-Büste und ein Mörike-Denkmal wurden gestiftet, Komponisten
wie Brahms, Bruch, Grieg, Meyerbeer, Wolf oder Abert für Auftragsarbeiten
mit einem Ehrensold bedacht.
Bald übersprang die Zahl der Mitglieder
die Tausendergrenze. Davon kann der Liederkranz im 185. Jahr seines Bestehens
nur noch träumen. Knapp 600 Mit-glieder zählt der Verein heute
Tendenz fallend. Mit umso mehr Stolz erfüllt den seit 1998 amtierenden Präsidenten
Dr. Dieter Häussermann, dass ein Drittel von ihnen als Sängerinnen und
Sänger aktiv sind und das Liederkranzorchester 50 Instrumentalisten zählt.
Wir haben uns geöffnet, und wir setzen auf Qualität, nimmt
er für sich, seine Mitstreiter im Vorstand und den künstlerischen Leiter
Professor Ulrich Walddörfer in Anspruch. Zusätzlich zu den wöchentlichen
Chor- und Orchesterproben bietet der Verein, bei dem neue Mitglieder einst drei
Bürgen benötigten, regelmäßige professionelle Stimmbildung
sowie Projektarbeit an, die auch Nichtmitgliedern offensteht. Dies anstelle
der Chorschule, die einst der Rekrutierung neuer Mitglieder diente, diese Funktion
aber immer weniger erfüllte. Höhepunkt im Vereinsleben ist seit
jeher das Jahreskonzert im Beethovensaal der Liederhalle. Das Hausrecht wurde
beim Verkauf des Areals, auf dem die im Zweiten Weltkrieg zerstörte alte
Liederhalle stand, an die Stadt zwar festgeschrieben,
dennoch stellen solche Aufführungen auch für den größten
Konzertchor der Stadt einen Kraftakt dar. Da sich in diesem Jahr der 250. Geburtstag
von Ahnherr Friedrich Schiller jährt, wird am 15. November sein Lied
von der Glocke in der Vertonung von Max Bruch aufgeführt. Unter der
Leitung von Chordirektor und Dirigent Ulrich Walddörfer sind neben namhaften
Solisten wie dem Bariton Ulf Bästlein und der Mezzosopranistin Carmen Mammoser
Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart und natürlich die eigenen Konzertchöre
in voller Besetzung im Einsatz. Doch können sich für diese Aufführung
auch versierte Sängerinnen und
Sänger von außerhalb des Vereins bewerben. Wer Interesse hat, kann
sich unter der Telefonnummer 29 91 786 melden.
Kamen in früheren Zeiten
die Mitglieder des Liederkranzes vorwiegend aus Stuttgart, so reicht das Einzugsgebiet
längst bis Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd oder in den Raum
Reutlingen-Tübingen. Vorbei auch die Zeiten, da es für die Stuttgarter
Geschäftswelt zum guten Ton gehörte, förderndes Mitglied im ersten
Kulturverein der Stadt zu sein. Von
einer Spende über 100 000 Gold- mark, wie sie der Hotelier Marquardt zum
Bau der Liederhalle beigesteuert hat, können wir heute nur träumen,
sagt der Präsident mit leisem Bedauern. Umso dankbarer registriert Häussermann,
dessen Großvater Friedrich bereits dem Liederkranz vorstand, das Engagement
der Berthold-Leibinger-Stiftung und der LG-Stiftung. Festliche Aufführungen
großer konzertanter Werke und Opern im Beethovensaal mit Kosten von mehr
als 40 000 Euro oder die großen Gastspiele wie 2008 im Vatikan und in Rom
oder 2010 in Wien mit dem Wiener Männergesangverein
ließen sich aus einem Jahresetat von 200 000 Euro in dieser Qualität
ohne Sponsoren nicht bestreiten. Auch ein Traditionsverein wie der Stuttgarter
Liederkranz muss sich heutzutage nach der Decke strecken, sagt Häussermann.
Nur zu gern würde er erleben, dass sich die Hoffnung seines künstlerischen
Leiters erfüllt, die da lautet: Die Zeit ist reif weg von der
Spaßgesellschaft, hin zur Sinngesellschaft. INFO: Weitere Informationen:
www.stuttgarter-liederkranz.de |