Singen boomt. Es gibt 2,4
Millionen aktive Sängerinnen und Sänger in Deutschhland. Die Ausrede,
ich kann leider nicht singen, gilt nicht. Stichproben
im Land haben ergeben: Singen ist gesund und macht die Menschen froh. Von
Jürgen Holwein Breitenstein
ist im Verwaltungsdeutsch ein "Teilort" von Weil im Schönbuch,
sieht aus wie ein aufgeräumtes schwäbisches Dorf und riecht nach
Landwirtschaft. Kühe stehen auf der Wiese, und weil es wieder Dienstag
ist und die Singstunde naht, stuhlt Werner Weinstein im lichten Anbau der örtlichen
Schule auf. Er ist Sänger und 1. Vorsitzender beim Liederkranz Breitenstein. Mütter
begleiten Kinder, bringen Kinder im Auto, Kinder auf Kinderfahrrädern zu
Judith Erb in die Vorschule des Chores. "Ich bin da, und du bist da",
singen die Spatzen am Boden im Kreis. Eine halbe Stunde "musikalische Früherziehung":
Sing- und Bewegungsspiele, und wenn sie gehen, hüpfen, klatschen und dabei
singen, üben sie in der Gruppe, verschiedene Abläufe zu koordinieren.
In einem Lied kommen die Tausendfüßler. Da zieht man besser die Schuhe
aus. Der Kinderchor. Etwa 30 Buben und Mädchen im Grundschulalter singen
sich im Stehen ein, lockern sich gymnastisch auf, pusten zwecks Atmung Krümelchen
sacht vom Arm, gehen in Halbtonschritten von unten nach oben, von oben nach unten,
hüpfen von Ton zu Ton, nehmen Anlauf und werfen nach einem pfeilschnellen
Gleiten den letzen, ganz hohen Ton hochin die Luft. Sie singen einstimmig einfache,
naheliegende, nicht unkomische Reime: "Bist du eine Frau, ist ein Bart
ein Super-GAU." "Singt bitte schön", ruft Judith Erb am Klavier,
"laut singen, ohne dass ihr schreit". Es ist eine demokratische Übung:
den anderen nicht niederbrüllen. Dieses Prinzip schützt vor allgemeiner
Verblödung und, wenn es zur Sache geht, vor Unterforderung. Eine
Stunde ist heftig, aber kurz. In Jungs arbeitet da manchmal ein Tier, das herauswill
und nicht herauskann. Dem Jugendchor sind einige pubertierende Kleinherren der
Schöpfung vorübergehend abhandengegkommen. Fußballtraining statt
Simmbildung. Mädchen ab elf lernen im Jugendchor, wie man mit dem Zwerchfell
die Töne stützt. Sie haben Spannung, Volumen, sie klingen. Aber bis
es so weit ist und es so ein hoher Ton, einer höher als der andere, bis
unter der Schädeldecke schafft, wo er weithin schwingen und glänzen
und jubeln kann, das grenzt schon an Kunst. Manche Mädchen sind Tuschelprinzessinnen,
andere kommunizieren mit Blicken. Alina Stoll, 12, Realschule, musikalisches
Elternhaus, Gesangsunterricht bei Frau Erb: "Wenn ich Stress in der Schule
habe, fühle ich mich nach dem Singen besser - wenn es Spaß macht".
Nein, das sage sie nicht einfach so. Carina Krumrein, 12, sagt, es sei nicht schwer,
beim Singen den Bauch anzuspannen, ein- und hochzuziehen. Alle im Dorf sind Fans
von Frau Erb, der Chorleiterin. Obwohl oder gerade weil sie zügig und straff
agiert (und dabei ihre gut ausgebildete Stimme zum Klingen bringt), machen inzwischen
60 Kinder im Kinder- und Jugenchor mit. Jeder
sucht das Ding in sich |
Es
ist eine Binsenweisheit, wenn man sagt, dass ein musikalisch kontaminiertes Kind
in der Schule weniger Probleme hat und sich besser konzentrieren kann. Während
in Breitenstein die Mädchen ihre Münder noch eine halbe Stunde zu schönem
Gesang formen werden, gruppieren sich in Stuttgart schon die Soprane und Altistinnen,
die Tenöre und Bässe um den Flügel vor der Wand aus Glas- bausteinen
im Silchersaal der Liederhalle. Auf dem Probenplan steht das "Requiem"
des in sich gekehrten Römers Giovanni Sgambati; 1901 uraufgeführt, stellt
es "der Liederkranz" 110 Jahre danach, im November 2011, zum ersten
Mal in Stuttgart vor. Einsingen mit Ulrich Walddörfer, dem Dirigenten.
Aufstehen sich räkeln, Schultern lockern, Arme ausschütteln, den Staub
des Tages abschütteln. Geräuschvolles Kauen bei geschlossenem Mund,
Schmatzen: la-la-la-la, bla-bla-bla-bla, blau-blau-blau-blau, mmmm, mimimimi,
mono..., mini..., monono usw. die Tonleiter in Halbtonschritten rauf und runter.
Geöffnete Vokale lassen Luft herein, innen wird es heller. Das lockert und
dehnt die vielen Muskeln auf seinem ureigenen Instrument benützen sollte,
wenn er einen möglichst schönen Ton in die Welt zu setzen gedenkt. Auf
Hecheln, Hihihis und Hohohohs folgen Intervallsprüngen. Jeder sucht das Ding
in sich. Die Übung weitet sich in einen Kanon aus, die Schere der Mehrstimmigkeit
öffnet sich. Die Damen und Herren sind bei sich selbst angekommen. Zwei
Stunden, dazwischen interne Informationen, evtuell Gratulationen mit Blumen und
einem Erinnerungsstück. Proben können sehr lebendig sein. Wenn sie gut
sind, sind sie anstrengend. Ulrich Walddörfer gibt nicht nach. Scherze lockern
auf. Am Anfang schwimmen Chöre in einer breiigen Soße. Rhythmisches
gibt Struktur; den Text zu sprechen nützt der Artikulation; die Artikulation
der Silben führt zur Klangfarbe und dem inhaltlich sinnvollen Ausdruck. Wenn
es in der Übersetzung des lateinischen Textes "Tremens, factus sum"
heißt, ein Zittern befällt mich, dann soll man das hören können.
Auch schöne soll es sein, da kann die Fuge noch so vertrackt daherkommen.
Amateurchöre können weit kommen, ihre Qualität steht und fällt
mit dem Chorleiter/Dirigenten. Der Stuttgarter Liederkranz hat es als Konzertchor
im Repertoire weit gebracht und ist auf Gastspielen weit herumkommen. Chorproben
sind Geduldsproben. Inseln in der High-Speed-Welt. Der C-Dur-Akkord "steht"
am Schluss der zweistündigen Probe dieses traditionellen Stuttgarter Bürgerchors.
Er steht auch für den aufrechten Gang des Menschen. "Ich fühle
mich nach der Singstunde freier und fröhlicher", erklärt eine ältere
Dame auf dem Sprung zur Gaderobe. "Singen baut einen auf", sagt Gerd
Nägele, der vor bald dreißig Jahren von Stuttgart nach Breitstein
zog. Beim Liederkranz fing
er als Tenor an, heute singt er im Bass, weil es im Alter die Stimme nach unten
zieht. Die Singstunde erinnert ihn an die Schulzeit:" Man fühlt sich
unwohl, wenn man etwas nicht kapiert hat. Man ist erleichtert, wenn einem der
Lehrer hilft. Jeder, auch der Nachbar, freut sich, wenn es endlich geklappt hat", Unaufgeregt
probt Herbert Klein. Wiwiwiwowowowiwiwi, das volle Programm. Wo sich die Nachsilben,
französische Nasale verkleben den Gaumen. Der Sommer war lang. Die Übergänge,
die Nachsilben, die Präzision. Im Detail ist alles schwer. Das Programm:
drei bis sechs Minuten kurze Showpieces und Schlager, Sentimentales und Flottes,
Bekanntes und Rares - für vier Stimmen arrangiert, erscheint jedes als ein
Juwel. "Die Männer sind alle Verbrecher", Kriminal-Tango",
Ob-La-Di, Ob-La-Da" von Paul McCartney.
Chormusik
ist der Kitt, der das Dorf zusammenhält |
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