Pressestimmen 2011



 Foto: Leif Piechowski
Chorprobe mit Ulrich Walddörfer und dem Stuttgarter Liederkranz
im Silchersaal der Liederhalle 


Singen boomt. Es gibt 2,4 Millionen aktive Sängerinnen und Sänger in Deutschhland. Die Ausrede, ich kann leider nicht singen, gilt nicht.
Stich
proben im Land haben ergeben: Singen ist gesund und macht die
Menschen froh.

Von Jürgen Holwein

Breitenstein ist im Verwaltungsdeutsch ein "Teilort" von Weil im Schönbuch,
sieht aus wie ein aufgeräumtes schwäbisches Dorf und riecht nach Landwirtschaft.
Kühe stehen auf der Wiese, und weil es wieder Dienstag ist und die Singstunde naht, stuhlt Werner Weinstein im lichten Anbau der örtlichen Schule auf. Er ist Sänger und 1. Vorsitzender beim Liederkranz Breitenstein.
Mütter begleiten Kinder, bringen Kinder im Auto, Kinder auf Kinderfahrrädern zu Judith Erb in die Vorschule des Chores. "Ich bin da, und du bist da", singen die Spatzen am Boden im Kreis. Eine halbe Stunde "musikalische Früherziehung": Sing- und Bewegungsspiele, und wenn sie gehen, hüpfen, klatschen und dabei singen, üben sie in der Gruppe, verschiedene Abläufe zu koordinieren. In einem Lied kommen die Tausendfüßler. Da zieht man besser die Schuhe aus.
Der Kinderchor. Etwa 30 Buben und Mädchen im Grundschulalter singen sich im Stehen ein, lockern sich gymnastisch auf, pusten zwecks Atmung Krümelchen sacht vom Arm, gehen in Halbtonschritten von unten nach oben, von oben nach unten, hüpfen von Ton zu Ton, nehmen Anlauf und werfen nach einem pfeilschnellen Gleiten den letzen, ganz hohen Ton hochin die Luft. Sie singen einstimmig einfache, naheliegende, nicht unkomische Reime: "Bist du eine
Frau, ist ein Bart ein Super-GAU." "Singt bitte schön", ruft Judith Erb am Klavier, "laut singen, ohne dass ihr schreit". Es ist eine demokratische Übung: den anderen nicht niederbrüllen. Dieses Prinzip schützt vor allgemeiner Verblödung und, wenn es zur Sache geht, vor Unterforderung.
Eine Stunde ist heftig, aber kurz. In Jungs arbeitet da manchmal ein Tier, das herauswill und nicht herauskann. Dem Jugendchor sind einige pubertierende Kleinherren der Schöpfung vorübergehend abhandengegkommen. Fußballtraining statt Simmbildung. Mädchen ab elf lernen im Jugendchor, wie man mit dem Zwerchfell die Töne stützt. Sie haben Spannung, Volumen, sie klingen. Aber bis es
so weit ist und es so ein hoher Ton, einer höher als der andere, bis unter der Schädeldecke schafft, wo er weithin schwingen und glänzen und jubeln kann, das grenzt schon an Kunst. Manche Mädchen sind Tuschelprinzessinnen, andere kommunizieren mit Blicken.
Alina Stoll, 12, Realschule, musikalisches Elternhaus, Gesangsunterricht bei Frau Erb: "Wenn ich Stress in der Schule habe, fühle ich mich nach dem Singen besser - wenn es Spaß macht". Nein, das sage sie nicht einfach so. Carina Krumrein, 12, sagt, es sei nicht schwer, beim Singen den Bauch anzuspannen, ein- und hochzuziehen. Alle im Dorf sind Fans von Frau Erb, der Chorleiterin. Obwohl oder gerade weil sie zügig und straff agiert (und dabei ihre gut ausgebildete Stimme zum Klingen bringt), machen inzwischen 60 Kinder im Kinder- und Jugenchor mit.

Jeder sucht das Ding in sich

Es ist eine Binsenweisheit, wenn man sagt, dass ein musikalisch kontaminiertes Kind in der Schule weniger Probleme hat und sich besser konzentrieren kann. Während in Breitenstein die Mädchen ihre Münder noch eine halbe Stunde zu schönem Gesang formen werden, gruppieren sich in Stuttgart schon die Soprane und Altistinnen, die Tenöre und Bässe um den Flügel vor der Wand aus Glas-
bausteinen im Silchersaal der Liederhalle. Auf dem Probenplan steht das
"Requiem" des in sich gekehrten Römers Giovanni Sgambati; 1901 uraufgeführt, stellt es "der Liederkranz" 110 Jahre danach, im November 2011, zum ersten Mal in Stuttgart vor.
Einsingen mit Ulrich Walddörfer, dem Dirigenten. Aufstehen sich räkeln, Schultern lockern, Arme ausschütteln, den Staub des Tages abschütteln. Geräuschvolles Kauen bei geschlossenem Mund, Schmatzen: la-la-la-la, bla-bla-bla-bla, blau-blau-blau-blau, mmmm, mimimimi, mono..., mini..., monono usw. die Tonleiter in Halbtonschritten rauf und runter. Geöffnete Vokale lassen Luft herein, innen wird es heller. Das lockert und dehnt die vielen Muskeln auf seinem ureigenen
Instrument benützen sollte, wenn er einen möglichst schönen Ton in die Welt zu setzen gedenkt. Auf Hecheln, Hihihis und Hohohohs folgen Intervallsprüngen. Jeder sucht das Ding in sich. Die Übung weitet sich in einen Kanon aus, die Schere der Mehrstimmigkeit öffnet sich. Die Damen und Herren sind bei sich selbst angekommen.
Zwei Stunden, dazwischen interne Informationen, evtuell Gratulationen mit Blumen und einem Erinnerungsstück. Proben können sehr lebendig sein. Wenn sie gut sind, sind sie anstrengend. Ulrich Walddörfer gibt nicht nach. Scherze lockern auf. Am Anfang schwimmen Chöre in einer breiigen Soße. Rhythmisches gibt Struktur; den Text zu sprechen nützt der Artikulation; die Artikulation der Silben führt zur Klangfarbe und dem inhaltlich sinnvollen Ausdruck. Wenn es
in der Übersetzung des lateinischen Textes "Tremens, factus sum" heißt, ein Zittern befällt mich, dann soll man das hören können. Auch schöne soll es sein, da kann die Fuge noch so vertrackt daherkommen. Amateurchöre können weit kommen, ihre Qualität steht und fällt mit dem Chorleiter/Dirigenten. Der Stuttgarter Liederkranz hat es als Konzertchor im Repertoire weit gebracht
und ist auf Gastspielen weit herumkommen.
Chorproben sind Geduldsproben. Inseln in der High-Speed-Welt. Der C-Dur-Akkord "steht" am Schluss der zweistündigen Probe dieses traditionellen Stuttgarter Bürgerchors. Er steht auch für den aufrechten Gang des Menschen. "Ich fühle mich nach der Singstunde freier und fröhlicher", erklärt eine ältere Dame auf dem Sprung zur Gaderobe. "Singen baut einen auf", sagt Gerd Nägele, der vor
bald dreißig Jahren von Stuttgart nach Breitstein zog. Beim Liederkranz fing er als Tenor an, heute singt er im Bass, weil es im Alter die Stimme nach unten zieht. Die Singstunde erinnert ihn an die Schulzeit:" Man fühlt sich unwohl, wenn man etwas nicht kapiert hat. Man ist erleichtert, wenn einem der Lehrer hilft. Jeder, auch der Nachbar, freut sich, wenn es endlich geklappt hat",
Unaufgeregt probt Herbert Klein. Wiwiwiwowowowiwiwi, das volle Programm. Wo sich die Nachsilben, französische Nasale verkleben den Gaumen. Der Sommer war lang. Die Übergänge, die Nachsilben, die Präzision. Im Detail ist alles schwer. Das Programm: drei bis sechs Minuten kurze Showpieces und Schlager, Sentimentales und Flottes, Bekanntes und Rares - für vier Stimmen arrangiert, erscheint jedes als ein Juwel. "Die Männer sind alle Verbrecher", Kriminal-Tango", Ob-La-Di, Ob-La-Da" von Paul McCartney.

Chormusik ist der Kitt, der das Dorf zusammenhält

Oder "Je ne l'ose dire", das frivole Chanson über einen eifersüchtigen Ehemann, 1572 geschrieben von dem "Songwriter" Pierre Certon in Paris. Der Tenor Herbert Klein, seit 30 Jahren im weltberühmten Vokalensemble des SWR, feilt ohne Unterlass. Zwei Stunden, und der Chor strahlt hell, frisch, mit fast schwebender Präzision. Ein Dorfchor ist kein Doofchor.
Auf 1300 Einwohner kommen in Breitenstein 40 Chorsänger. Der Liederkranz wurde 1893 gegründet. Chormusik ist der Kitt, der das Dorf zusammenhält. Der Stuttgarter Liederkranz entstand aus Sängeraktivitäten im Umfeld der Hohen Carlsschule und der Freunde um Schiller. Als kulturelles und gesellschaftliches Zentrum prägte er die Kulturgeschichte der Stadt. Herbert Klein, stets auf der Suche nach dem ultimativen Programm, stellt auch mit "seinem" durchaus zartbesaiteten Fleischer-Singchor dramaturgisch konzipierte Konzertprogramme vor. Die in Breitenstein vernetzten Chöre von Klein bis Groß bilden bei Auftritten einen unschlagbaren Verbund. Ulrich Walddörfer gibt dem Philharmonischen Chor Heilbronn sowie dem Bosch-Chor und - Orchester Schiff. "Sein" Stuttgarter Liederkranz imponiert mit geballter Tradition und großstädtischer Aura. Die Ich-kann-nicht-singen-Lüge gilt im Chor erst mal nicht. Aber ein paar Töne sollte man schon nachsingen können. Aber bitte nicht brüllen.